Posts Tagged ‘USA’

T.C. Boyle – Hart auf Hart

Boyle_24737_MR.inddT.C. Boyle zählt für mich zu den besten aktuellen Schriftstellern, er versteht es, mit einem gewissen untergründigen Humor und skurrilen Personen und Begebenheiten zu unterhalten und dabei zudem etwas zum Nachdenken mitzubringen. In „Hart auf Hart“ (mir gefällt der deutsche Titel überhaupt nicht, dann doch lieber den Originaltitel auch für die Übersetzung belassen: „The harder they come“) ist die Ironie jedoch nicht so ausgeprägt wie in seinen anderen Büchern. Ist aber nicht das erste Mal, dass Boyle dieses ihn für viele prägende Element, wenn nicht außen vor lässt, so zumindest etwas zurückschraubt. Das schadet dem Buch aber in keinster Weise.

„Hart auf Hart“ ist eine unglaubliche Geschichte, besser: Die Geschichte ist eine Geschichte, wie sie in den USA doch durchaus realistisch ist. Unglaublich ist, wie die Menschen, die darin involviert sind, ticken. Verschwörungstheoretiker, Waffennarren, Amokläufer, Menschen, die sich eine Identität zusammenschustern, die ihnen erstrebenswert scheint, weil sie keine haben, die ihnen genügen würde. T.C. Boyle schafft es, einen Einblick in Menschen zu ermöglichen, deren Verhalten in erster Linie unverständlich scheint. Dabei unterhält er großartig. Ich freue mich schon auf den nächsten T.C. Boyle.

Dave Zeltserman: 28 Minuten

Dave Zeltserman: 28 Minuten28 Minuten bleiben den vier arbeitslosen Softwareentwicklern, eine Bank auszurauben. Ein perfekter Plan und die letzte Chance für den langsam erblindenden Programmierer Dan, für sich und seine Familie vorzusorgen. Doch auch ein perfekter Plan birgt Tücken und kann entsetzlich schief laufen.

Dave Zeltserman war selbst Softwareentwickler, und schon sind wir beim Manko dieses Krimis: 28 Minuten liest sich leicht und flüssig, wer aber Wert auf einen literarischen Schreibstil legt, wird enttäuscht. Manche Sätze sind schlicht aneinandergereiht, ohne jegliches Gefühl für eine gute Erzählung. “Er war bloß 28 Jahre alt”, angesichts dieser Wortwahl schmerzt das literarische Auge, zum Glück sind solche Ausrutscher jedoch selten, bleiben dennoch im Gedächtnis hängen.
Dabei erzählt Zeltserman einen soliden, spannenden Krimi, gute Hausmannskost möchte man sagen, die auch mit überraschenden Wendungen aufwarten kann. Wer kurzweilig unterhalten werden will und auf einen gekonnten Schreibstil verzichten kann, dem sei 28 Minuten empfohlen.

John Rector: Frost

Ex-Häftling Nate und seine schwangere Freundin Sara sind mit Hab und Gut auf dem Weg in den Süden, als sie während eines Schneesturms in einem Diner auf Syl treffen. Der bietet ihnen 500 Dollar, wenn sie ihn bis Reno mitnehmen. Todkrank und ständig hustend sitzt er auf ihrer Rückbank, während sie immer weiter in den Blizzard geraten. Als sie schliesslich in einem Motel unterkommen wollen, ist Syl offensichtlich tot. Da entdecken sie 2 Millionen Dollar in seinem Koffer und treffen
eine fatale Entscheidung, während die Welt um sie herum einschneit und eine Flucht vor den schrecklichen Konsequenzen unmöglich ist.

Immer wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, setzt John Rector in seinem Romandebut Frost noch einen drauf. Gekonnt läßt er seine Leser mitzittern, wenn Sara und Nate fatale Entscheidungen treffen und immer tiefer in einen Albtraum hineingezogen werden. Ein von der Außenwelt abgeschnittenes Motel ist sicher nicht die innovativste Kullisse für einen Thriller, wurde hier aber phänomenal spannend in Szene gesetzt.
Frost zieht einen gleich zu Beginn in seinen Bann und läßt bis zur letzten Seite, ja bis zum letzten Buchstaben nicht mehr los.

Cormac McCarthy: Die Straße

Ein Mann zieht zusammen mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Nordamerika. Zwischen grauen Wäldern und toten Städten begegnen die beiden nur selten anderen Menschen, die auch so lange überlebt haben. Und wem sie begegnen, können sie nicht trauen. Die Angst vor Kannibalismus, Vergewaltigung, purer Gewalt besiegt das Sehnen nach Freundschaft, Gesprächen, Nähe. Wer anderen helfen will, muß die tödliche Gefahr des Vertrauens eingehen, wer macht das schon, zumal der Sohn beschützt werden soll. Hoffnung auf was? Es gibt nichts mehr. Der Tod, willkommene Lösung, aber Angst davor treibt das Leben voran. Das Leben in einem ständigen Ascheregen, in der allgegenwärtigen Kälte, und doch ist da die Fürsorge, die väterliche Liebe, die der Verzweiflung standzuhalten versucht, die ihm einen Sinn gibt, wo es keinen geben kann.

Cormac MacCarthy versteht es, seine Leser die Trostlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Angst und die endlose Suche nach einem Funken Hoffnung erleben zu lassen. In wenigen, aber treffsicheren Worten und Sätzen wird ein Bild der Kälte und des grauen, verlorenen Landes fühlbar gemacht, das sich einprägt und stärker nachhält als so mancher Film.

John Doyle: Don’t Worry Be German

Fast 20 Jahre lebt John Doyle nun in Deutschland. Der US-Amerikaner hat eine Deutsche geheiratet, mit der er einen Sohn hat, ist mittlerweile beliebter Comedian in deutschen Clubs und im Fernsehen und hat sich hier gut eingelebt. In Don’t Worry Be German schreibt er über seine Deutschwerdung, über die Vorurteile der Amis gegenüber den Deutschen und umgekehrt sowie deren Bestätigung. Ob es um amerikanische Prüderie oder deutsche Raserei, um oberflächliche Freundlichkeit oder übertriebene Ordnungsliebe geht, zu allem kann John Doyle witzige Begebenheiten erzählen, aus der Sicht des Amerikaners, der sich deutsche Gepflogenheiten zur Brust nimmt, und aus der Sicht des Deutschen, der manche amerikanischen Gewohnheiten vermisst, andere mittlerweile selbst absurd findet.

Der größte Teil der deutschen Comedyszene gibt mir kaum etwas. Ich teile den Humor selten und lacht der Comedian über seine eigenen Scherze oder wiederholt die Gags, die gut ankamen, immer wieder, dann empfinde ich mehr Fremdschämen als Belustigung. Mit John Doyle hab ich mich daher bislang nicht wirklich beschäftigt. Die Ausschnitte, die ich von ihm sah, weckten nicht wirklich mein Interesse. Sein Buch Don’t Worry Be German liest sich allerdings sehr gut, leicht und auch interessant, gerade wenn man selbst noch nicht in den USA war. Fast etwas zu brav nimmt Doyle sowohl die Deutschen als auch die Amis aufs Korn und hinterläßt den Eindruck, dass es etwas wunderbares ist, aufgeschlossen ein anderes Land mit anderen Gepflogenheiten kennenzulernen und sich dort einzuleben.
Don’t Worry Be German ist ein schönes Buch zum Schmunzeln und sorgt für den ein oder anderen Lacher zwischendurch, auch wenn mir etwas Biss und Schärfe fehlt.

Gillian Flynn: Finstere Orte

25 Jahre ist es her, dass ihre Familie abgeschlachtet wurde. Von ihrem Bruder. Von ihrem Bruder?
Sieben Jahre alt war Libby Day in dieser Nacht des Grauens. Aufgrund ihrer Zeugenaussage wurde ihr 15jähriger Bruder Ben schuldig gesprochen und kam lebenslänglich hinter Gitter. Doch jetzt, nach so langer Zeit beginnen sich Zweifel in Libby zu regen. Angespornt von einer „Free Ben“-Gruppe beginnt sie mit Nachforschungen und wühlt Dinge wieder auf, die manche gerne für immer begraben wüssten.
Eines vorweg: Gillian Flynns Story ist gut, das Ausschlachten der ländlichen Idylle, das Aufklären 25 Jahre danach, erzählt im „Heute“ und im „Damals“ aus verschiedenen Perspektiven, das funktioniert alles und ist sprachlich auch sehr natürlich und flüssig geschrieben. In der Masse der Thriller sticht Finstere Orte folglich durchaus heraus, allerdings gibt es doch einen Wermutstropfen: Der richtige Höhepunkt der Spannung lässt lange auf sich warten, zu lange, und ist auch zu schnell wieder vorbei. So ist Flynns Thriller zwar unterhaltsam und gut geschrieben, mitreißende Hochspannung sucht man allerdings vergebens.

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Eine tödliche Verwechslung zwingt den zwölfjährigen Daniel, zusammen mit seinem alleinerziehenden Vater  Dominic Baciagalupo aus seinem Heimatort Twisted River zu fliehen. Diese Flucht bestimmt nahezu sein ganzes Leben, Vater und Sohn müssen immer wieder fliehen und sich an neuen Orten ein neues Leben aufbauen. Einzige Verbindung nach Twisted River ist ihr Freund Ketchum, ein grobschlächtiger und trinkfester Holzfäller, der die Situation daheim beobachtet und sich für den Koch Dominic und den angehenden Schriftsteller Daniel verantwortlich fühlt.

Bären, ungewöhnliche zwischenmenschliche Beziehungen, ein Schriftsteller, Unfälle – Irvings neuer, epischer Roman erscheint wie eine Mixtur aus Altbewährtem. Diese funktioniert wunderbar: Gemessen an vielen anderen Schriftstellern ist Letzte Nacht in Twisted River ein hervorragendes Buch. Leider aber ist John Irving sein eigener größter Konkurrent und muss seinen neuen Roman in erster Linie an eigenen früheren Werken messen lassen. Daß der bei diesem Vergleich nicht ganz so gut abschneidet, liegt zum Einen an den vielen Zeitsprüngen, die ein Folgen der Handlung manchmal schwierig machen. Zum Anderen entfaltet Irving seinen gewohnt skurrilen Humor nur in wenigen Szenen. Hielten sich sonst Lachen und Weinen die Waage, oft sogar beides zugleich, so ist Letzte Nacht in Twisted River mehr in Richtung Drama angelegt. Doch obwohl Letzte Nacht in Twisted River nicht an seine Meisterstücke wie Garp oder Owen Meany heranreicht, ist auch Irvings neuestes Werk eine unterhaltsame, besondere Familiengeschichte ohne Längen, der man sich gerne widmet.