Posts Tagged ‘Thriller’

Zoran Drvenkar: Still

Zoran Drvenkar: Still

Zoran Drvenkar: Still

Ein Mann sucht die Peiniger seiner Tochter.
Ein Mädchen sitzt seit sechs Jahren schweigend am Fenster und sucht den Schlüssel zu ihrer Erinnerung.
Eine Gruppe von vier Männern sucht unschuldige Beute.
Und eine einsame Blockhütte im Wald an einem zugefrorenen See scheint des Rätsels Lösung.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich Zoran Drvenkars Romane “Du” und “Sorry” las. Sein einzigartiger direkter Stil begeisterte mich sofort. Diesem bleibt er auch in seinem neuen Roman treu. In drei Perspektiven, “Du”, “sie” und “ich”, bauen sich Handlung und Vorgeschichte von “Still” auf, direkt erzählt, mit schnörkelloser Nüchternheit, die dennoch Emotionen und alptraumhafte Fassungslosigkeit weckt.

Während viele Thriller der letzten Jahren eher langweilig, konstruiert und zudem fast schon dilettantisch geschrieben auf mich wirkten, begeistert Zoran Drvenkar in “Still” mit allem, was ich von einem guten Thriller erwarte, und mehr: Er entwickelt eine fesselnde Handlung, die den Leser das Buch nicht aus der Hand legen und lange im Unklaren lässt. Man reimt sich dies und jenes zusammen, um dann wieder festzustellen, dass es so nicht sein kann. Die unterschiedlichen Perspektiven und Ansprachen fühlen sich so persönlich und gleichzeitig nüchtern an, jedes Wort wirkt unverzichtbar, keine Nebenhandlungen, die beispielsweise Sympathien erzeugen sollen, lenken von der Geschichte ab.

Es ist bemerkenswert, in einem so massenkompatiblen Genre ein Buch in einem ganz eigenen Stil zu schreiben und dennoch nicht die Wirkung eines Thrillers zu verlieren, nein, sie sogar zu steigern.

Ich freue mich auf noch viele Bücher von Zoran Drvenkar, mit “Still” hat er in mir das Interesse am Thriller neu entfacht.

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Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez

Ciudad Juárez, mexikanische Grenzstadt gegenüber von El Paso, hält die Spitzenposition in der Verbrechensstatistik. Laut Wikipedia werden dort jeden Tag im Schnitt 7 Menschen ermordet, am berühmt-berüchtigsten ist die Stadt aber durch eine Verbrechensserie, die nie richtig aufgeklärt wurde und bis heute nicht gestoppt werden konnte: Im Zeitraum von 1993 bis 2005 wurden 370 Frauenleichen gefunden, teilweise mit Spuren sexueller Gewalt und oft so entstellt, dass man sie nicht identifizieren konnt. Mehr als 600 Frauen wurden in diesem Zeitraum vermisst und nie gefunden. Dieser Hintergrund bildet die Kulisse für Sam Hawkens Roman “Die toten Frauen von Juárez”.

Der Boxer Kelly Courter hat sich in Ciudad Juárez niedergelassen und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit gelegentlichen Boxkämpfen und dem Verkauf von leichten Drogen.Seine Freundin arbeitet in einer Gruppe, die eine engagiertere Ermittlung in der Mordserie erreichen will. Als sie verschwindet, gerät Kellys Leben aus den Fugen, bis auf einen alten Polizisten scheint niemand an der Wahrheit interessiert zu sein.

Das in meinen Augen mißlungene, grelle Buchcover (mit fast pinkfarbener Schrift) läßt bestenfalls einen reißerischen Roman vermuten, angesichts des wahren Hintergrundes empfand ich es als ziemlich geschmacklos. Das sollte einen aber nicht vom Lesen von Sam Hawkens Debütroman abhalten. Erwartungsgemäß ist das Buch nichts für zarte Gemüter, so brutal die Geschehnisse in Ciudad Juárez sind, so brutal ist auch das Buch. Doch Sam Hawken findet auch einen Weg, aufrichtig und aufklärend die reale Unmenschlichkeit und die Ängste, die in der mexikanischen Grenzstadt herrschen müssen, in seine spannende Geschichte einzubauen. So hinterläßt “Die toten Frauen von Juárez” seinen Leser nicht nur gut unterhalten, sondern vor allem auch schockiert.
Es ist ein fesselndes, ehrliches, abgründiges Buch, das auf Zustände aufmerksam macht, die in Nordamerika heutzutage unvorstellbar sind.

Josh Bazell: Einmal durch die Hölle und zurück

Josh Bazell - Einmal durch die Hölle und zurückJosh Bazells Debütroman “Schneller als der Tod” hat viele Leser und Kritiker begeistert, es war vom Tarantino der Literatur die Rede, so brutal, blutig und cool war die Geschichte um den ehemaligen Mafiakiller Pietro, der im Zeugenschutzprogramm als Arzt in einem Krankenhaus beschäftigt und durch Zufall mit seiner früheren Klientel konfrontiert war. Kann Bazells zweiter Roman ebenso überzeugen?

Pietro arbeitet mittlerweile als Arzt auf einem Kreuzfahrtschiff, als ihn ein anderer Auftrag erreicht: Er soll eine Paläontologin beschützen, die sich auf eine etwas sonderbare Suche nach einem Seeungeheuer wie dem von Loch Ness macht. Bazell auf Fantasystreifzug?

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass Josh Bazell seinem Schreibstil treu bleibt, “Einmal durch die Hölle und zurück” liest sich schnell, direkt, geschrieben mit einer Coolness, die kein bisschen aufgesetzt wirkt. Die teilweise ausufernden Fussnoten werden sicherlich wieder die Leserschaft spalten, aber sie führen zu dem einen oder anderen zusätzlichen Schmunzeln und bieten eine Menge Informationen, die vielleicht nicht nötig, aber auch nicht uninteressant sind.
Inhaltlich geht es diesmal etwas weniger blutig zu als in “Schneller als der Tod”; trotz des Themas sogar etwas weniger abgefahren, dennoch unterhält der Roman vorzüglich, und es fällt schwer, eine Pause einzulegen. Wenn Josh Bazell diesen Stil beibehält, vielleicht sogar ein bisschen wieder zur Gnadenlosigkeit seines Erstlings zurückfindet, soll er die Reihe um seinen Arzt mit Killerinstinkt gerne fortführen.

Dave Zeltserman: 28 Minuten

Dave Zeltserman: 28 Minuten28 Minuten bleiben den vier arbeitslosen Softwareentwicklern, eine Bank auszurauben. Ein perfekter Plan und die letzte Chance für den langsam erblindenden Programmierer Dan, für sich und seine Familie vorzusorgen. Doch auch ein perfekter Plan birgt Tücken und kann entsetzlich schief laufen.

Dave Zeltserman war selbst Softwareentwickler, und schon sind wir beim Manko dieses Krimis: 28 Minuten liest sich leicht und flüssig, wer aber Wert auf einen literarischen Schreibstil legt, wird enttäuscht. Manche Sätze sind schlicht aneinandergereiht, ohne jegliches Gefühl für eine gute Erzählung. “Er war bloß 28 Jahre alt”, angesichts dieser Wortwahl schmerzt das literarische Auge, zum Glück sind solche Ausrutscher jedoch selten, bleiben dennoch im Gedächtnis hängen.
Dabei erzählt Zeltserman einen soliden, spannenden Krimi, gute Hausmannskost möchte man sagen, die auch mit überraschenden Wendungen aufwarten kann. Wer kurzweilig unterhalten werden will und auf einen gekonnten Schreibstil verzichten kann, dem sei 28 Minuten empfohlen.

John Rector: Frost

Ex-Häftling Nate und seine schwangere Freundin Sara sind mit Hab und Gut auf dem Weg in den Süden, als sie während eines Schneesturms in einem Diner auf Syl treffen. Der bietet ihnen 500 Dollar, wenn sie ihn bis Reno mitnehmen. Todkrank und ständig hustend sitzt er auf ihrer Rückbank, während sie immer weiter in den Blizzard geraten. Als sie schliesslich in einem Motel unterkommen wollen, ist Syl offensichtlich tot. Da entdecken sie 2 Millionen Dollar in seinem Koffer und treffen
eine fatale Entscheidung, während die Welt um sie herum einschneit und eine Flucht vor den schrecklichen Konsequenzen unmöglich ist.

Immer wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, setzt John Rector in seinem Romandebut Frost noch einen drauf. Gekonnt läßt er seine Leser mitzittern, wenn Sara und Nate fatale Entscheidungen treffen und immer tiefer in einen Albtraum hineingezogen werden. Ein von der Außenwelt abgeschnittenes Motel ist sicher nicht die innovativste Kullisse für einen Thriller, wurde hier aber phänomenal spannend in Szene gesetzt.
Frost zieht einen gleich zu Beginn in seinen Bann und läßt bis zur letzten Seite, ja bis zum letzten Buchstaben nicht mehr los.

Roslund & Hellström: 3 Sekunden

Es ist eine gefährliche Sache, das Infiltrieren des organisierten Verbrechens. Piet Hoffmann hat drei Identitäten: Für seine Familie spielt er den Inhaber einer Sicherheitsfirma, für eine polnische Mafiaorganisation den schwedischen Kontaktmann, doch in Wirklichkeit arbeitet er für die schwedischen Ermittlungsbehörden. Nun soll er den Drogenhandel in den schwedischen Gefängnissen übernehmen und damit der polnischen Mafia den lukrativsten Teil dieses Geschäftes zuschanzen. Auf diesen Moment haben auch seine Kontakte bei der Polizei gewartet, um dann die Organisation zu zerschlagen.
Im Gefängnis auf sich allein gestellt, muss Hoffmann jedoch um sein Leben fürchten und setzt einen Plan um, den nur er kennt.

Anders Roslund und Börge Hellström ist hier ein Krimi gelungen, der seinesgleichen sucht. Atemlos zieht die Geschichte einen in seinen Bann und bleibt dabei doch glaubhaft. Gut recherchiert wirkt das Aufeinanderprallen der Verbrechensbekämpfung und des Zulassens von Verbrechen, um die Infiltration nicht zu gefährden. An vorderster Front steht der Zwiespalt innerhalb der Polizei: Da darf die eine Hand nicht wissen, was die andere tut, woraus die beiden schwedischen Autoren fatale Konsequenzen erspinnen, die einen, unterstützt durch ein hohes Erzähltempo, an das Buch fesseln.
Zwei Mankos schmälern jedoch die Begeisterung: Zum Einen wird auf dem Rückentext des Buches zu viel verraten, hätte der Verlag da besser aufgepasst, würde sich die Spannung bis zum Ende des Buches besser halten. Zum Anderen scheint die Übersetzerin zwischendurch eine schlechte Phase gehabt zu haben, da wird eine Nase gebogen, die danach wieder schief zusammenwuchs, Kindern wird vehement “Puder Bär” vorgelesen und manche grammatikalische Fehlentwicklung beschäftigt mit mehrmaligem Lesen eines Satzes.
Dennoch markiert 3 Sekunden einen Höhepunkt bei den Krimis und Thrillern der letzten Jahre und übertrumpft einige Autoren, die die Bestsellerlisten bevölkern.

Camilla Way: Little Bird

Als Zweijährige wird Elodie in der Normandie von einem stummen Mann aus ihrem Kinderwagen entführt. Zehn Jahre lang lebt sie mit ihm im Wald in einer einfachen Hütte, bis er sich eines Tages umbringt und sie an einer Straße aufgelesen wird. Das Mädchen, das niemals sprechen gelernt hat, aber Vogelstimmen perfekt imitieren kann, wird einer amerikanischen Linguistin anvertraut. Elodie wird der lebende Beweis, dass auch ein sogenanntes Wildes Kind sprechen lernen und ein normales Leben führen kann. Nach einem tragischen Unfall jedoch flüchtet Elodie nach New York und später nach London. Dort baut sie sich unter einer falschen Identität ein neues Leben auf. Doch ein Mann aus ihrem früheren Leben spürt sie auf und will sie töten.

Psychothriller steht auf dem Cover des 365 Seiten starken Taschenbuchs. Dabei fasziniert Little Bird vor allem in der ersten Hälfte, in der Elodies Entführung und anschliessende Entwicklung erzählt wird. Leider gelingt es Camilla Way nicht, diese Faszination auch in die zweite Hälfte mitzunehmen. So wird aus einer interessanten, besonderen Geschichte ein eher durchschnittlicher Thriller und man wird das Gefühl nicht los, dass hier schlussendlich Potential verschenkt wurde.