Posts Tagged ‘Satire’

Thomas Gsella / Rudi Hurzlmeier: Kinder, sowas tut man nicht

Sie erinnern an Wilhelm Busch, die fatalen, fiesen, grausamen Streiche, die Thomas Gsella Kindern in Reimen erklärt, detailversessen, als sehr genaue Anleitungen, nur um am Ende immer wieder zu sagen „Kinder, sowas tut man nicht“. Untermalt werden die Strophen von Rudi Hurzlmeiers großartigen Illustrationen schadenfroher Kinder und verzweifelter, wütender oder erschrockener Väter, Mütter, Tanten.
Ich lache selten laut beim Lesen, hier musste ich, so genial ist dieser kleine Gedichtband.

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Jonathan Lethem: Chronic City

Jonathan Lethem: Chronic CityChase Insteadman ist ein gern gesehener Gast auf Dinerpartys in New York, allerdings weniger wegen seiner Person, sondern in erster Linie, weil er mit einer im All verschollenen Astronautin verlobt ist und bei ein paar Leuten vielleicht noch, weil er als Kind der Star einer Fernsehserie war. Seither lebt er von seinen Tantiemen und hat sonst nicht viel vorzuweisen, außer eben seiner Verlobten Janice. Diese schreibt ihm Briefe, die in der kriegsfreien Ausgabe der New York Times abgedruckt werden und somit ganz New York zu Tränen rühren.
Sein Leben ändert sich, als er den ehemaligen Rockkritiker Perkus Tooth trifft. Mit dem Verschwörungstheoretiker begibt er sich auf die von Marihuana umnebelte Suche nach der Wahrheit, nach der Wahrheit um einen riesigen Tiger, der in  New York wütet, nach der Wahrheit um die Kaldrone, einzigartig schöne Vasen, deren Anblick allein genügt, süchtig zu machen, nach der Wahrheit um Chase’ Liebe zu Janice und zu seiner Geliebten Oona,nach der Wahrheit um New York, nach der Wahrheit des Lebens.

Chronic City ist kein einfaches Buch. Obwohl Jonathan Lethems Schreibstil flüssig zu lesen ist, gibt es in Chronic City doch manche Passagen, die langatmig sein können, manche Szenen wirken willkürlich aneinander gereiht, die Geschichte um Chase und Perkus verschwimmt in ihren verkifften Dialogen und vieles scheint aus der Luft gegriffen. Doch immer wieder zeigt Lethem, dass es sich lohnt, dieses Werk in Angriff zu nehmen, sei es durch Sätze, die man einfach geniessen kann und gerne noch einmal liest, durch skurrile Szenen oder durch die kauzigen Charaktere, allen voran Perkus Tooth. Zum Ende hin nimmt Chronic City zudem eine überraschende Wendung, die den Roman nochmals aufwertet.
Wer sich nicht scheut, Gehirnschmalz in die Deutung eines Romans zu stecken, vielleicht sogar mit anderen darüber diskutieren kann, wer sich von anstrengendem Lesen nicht abschrecken lässt, dem sei Chronic City empfohlen.

John Doyle: Don’t Worry Be German

Fast 20 Jahre lebt John Doyle nun in Deutschland. Der US-Amerikaner hat eine Deutsche geheiratet, mit der er einen Sohn hat, ist mittlerweile beliebter Comedian in deutschen Clubs und im Fernsehen und hat sich hier gut eingelebt. In Don’t Worry Be German schreibt er über seine Deutschwerdung, über die Vorurteile der Amis gegenüber den Deutschen und umgekehrt sowie deren Bestätigung. Ob es um amerikanische Prüderie oder deutsche Raserei, um oberflächliche Freundlichkeit oder übertriebene Ordnungsliebe geht, zu allem kann John Doyle witzige Begebenheiten erzählen, aus der Sicht des Amerikaners, der sich deutsche Gepflogenheiten zur Brust nimmt, und aus der Sicht des Deutschen, der manche amerikanischen Gewohnheiten vermisst, andere mittlerweile selbst absurd findet.

Der größte Teil der deutschen Comedyszene gibt mir kaum etwas. Ich teile den Humor selten und lacht der Comedian über seine eigenen Scherze oder wiederholt die Gags, die gut ankamen, immer wieder, dann empfinde ich mehr Fremdschämen als Belustigung. Mit John Doyle hab ich mich daher bislang nicht wirklich beschäftigt. Die Ausschnitte, die ich von ihm sah, weckten nicht wirklich mein Interesse. Sein Buch Don’t Worry Be German liest sich allerdings sehr gut, leicht und auch interessant, gerade wenn man selbst noch nicht in den USA war. Fast etwas zu brav nimmt Doyle sowohl die Deutschen als auch die Amis aufs Korn und hinterläßt den Eindruck, dass es etwas wunderbares ist, aufgeschlossen ein anderes Land mit anderen Gepflogenheiten kennenzulernen und sich dort einzuleben.
Don’t Worry Be German ist ein schönes Buch zum Schmunzeln und sorgt für den ein oder anderen Lacher zwischendurch, auch wenn mir etwas Biss und Schärfe fehlt.

Steve Toltz: Vatermord und andere Familienvergnügen

Australiens irrste Familie sind wohl die Deans, zumindest in Steve Toltz‘ Romandebut Vatermord und andere Familienvergnügen. Jasper Dean erzählt, wie sein Vater Martin und dessen Bruder Terry Berühmtheit auf dem ganzen Inselkontinent erlangten, der eine als Wohltäter und Gutmensch, aber gehasst wie kein Zweiter, der andere als Mörder, beliebt und geachtet vom ganzen Volk. Vor allem erzählt Jasper aber von seinem Verhältnis zu seinem Vater, der Wahnsinn und Genie, Philosoph und Loser in sich vereint und seinem Sohn alles andere als ein leichtes Leben bereitet, so dass dieser ständig zwischen Bedauern, Verehrung, Hass und irgendwo dann doch so etwas wie Vaterliebe schwankt. Ständige Schicksalsschläge, fehlgeleiteter Ehrgeiz, fataler Weltverbesserungswille, Mord, Flucht, Liebe, Trauer und so vieles mehr stecken in Steve Toltz‘ schräger Familiensaga, die temporeich von Katastrophe zu Katastrophe schlittert und einen dennoch ungläubig schmunzeln lässt, von Anfang bis Ende.
Zudem begeistert Steve Toltz mit einem außerordentlich guten Gespür für Sprache, jeder einzelne Satz könnte nicht besser formuliert sein und den einen oder anderen liest man gern öfter, sei es um ihn sich einzuprägen oder aus reiner Freude daran. 800 Seiten Lesevergnügen, treffender kann man es nicht formulieren.
Seiner Karriere als Privatdetektiv, Kameramann, Telefonverkäufer, Sicherheitsbediensteter, Englischlehrer und Drehbuchautor lässt Steve Toltz damit einen Einstieg als Schriftsteller folgen, der besser kaum sein könnte.

Josh Bazell: Schneller als der Tod

Josh Bazells Mafiaroman „Schneller als der Tod“ wurde als „zynisch und komisch, als hätte Tarantino bei Dr. House Regie geführt“, „schockierend“ und „cool“ beworben. Große Worte und was dahinter?

Dr. Peter Brown ist Assistenzarzt in einem New Yorker Krankenhaus … und ehemaliger Mafiakiller in einem Zeugenschutzprogramm. Als sich ein neuer Krebspatient als alter Mafiabekannter entpuppt, holt ihn seine Vergangenheit ein: entweder überlebt der seinen Krankenhausaufenthalt, was nicht gerade mit guten Chancen gesegnet ist, oder Peters Feinde bei der Mafia werden umgehend über seinen Aufenthaltsort informiert. Und das ist erst der Anfang einer Reihe von Dingen, die schief gehen…

Anfangs wirkt Peter Brown eine Spur zu cool und aufgesetzt in einem kühlen Thriller, doch das Tempo, in dem Josh Bazell den Leser in die Handlung zieht, der Zynismus, in dem der ehemalige Auftragsmörder seine Situation betrachtet sowie die brutale und überzeichnete Geschichte passen dazu wie die Faust aufs Auge und relativieren dieses Manko schnell, kehren es sogar ins Gegenteil, machen es unerlässlich in diesem gnadenlosen Showdown. Nebenbei wird mit allem und jedem abgerechnet, mit dem amerikanischen Gesundheitssystem, geld- und publicitygeilen Ärzten und ihrer Moral, dem FBI, der Gesellschaft sowie dem Menschen an sich. Das zieht sich durch den ganzen Roman, der Peters früheres Leben als Pietro Brwna genauso fesselnd und direkt erzählt wie seine gegenwärtigen Probleme.

Die 300 Seiten Vollgas vergehen wie im Flug, Spannung ist großgeschrieben und wer zynische, brutale Thriller mag und den Humor aus Filmen wie Reservoir Dogs oder Pulp Fiction schätzt, kommt hier ganz sicher auf seine Kosten. Womit wir bei den eingangs erwähnten Schlagworten sind: Tarantino wäre sicher für eine Verfilmung von „Beat The Reaper“, so der Originaltitel, ideal.

Joey Goebel: Freaks

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, und dennoch haben sie eine große Gemeinsamkeit: Sie sind besonders, aber ausgelacht und verachtet von den normalen Menschen um sie herum.
Die 80jährige Oma im Sex Pistols-T-Shirt mit regem Sexleben, das 8jährige Mädchen, das alles und jeden hasst, die hübsche satanistische Stripperin im Rollstuhl, der Iraki, der den Amerikaner sucht, den er im ersten Irakkrieg angeschossen hat, um sich bei ihm zu entschuldigen und der Afroamerikaner mit der abartigen Frisur, dessen intellektuelle Genialität mit Drogenrausch verwechselt wird – sie sind beste Freunde und gründen eine Band namens The Freaks.
Joey Goebel erzählt die Geschichte der Freaks in seinem zweiten Roman nicht nur aus der Perspektive der einzelnen Bandmitglieder, sondern auch der Menschen um sie herum. So ertappt man sich teilweise dabei, auf der Seite der „Humanoiden“, wie sie vom genialen, ständig in Selbstgespräche versunkenen, Sänger der Freaks genannt werden, zu sein, obwohl die fünf für ihr Verhalten durchaus logische und nachvollziehbare Gründe haben. Eigentlich sogar verständlicher als die „normalen“ Verhaltensmuster. Dieser Spiegel, der einem vorgehalten wird, ist dabei aber in einer so komischen, skurrilen und witzigen Geschichte verpackt, dass er fern jeglichen erhobenen Zeigefingers ist.
Obwohl Freaks aber ein sehr gelungenes, ebenso unterhaltsames wie dann doch nachdenkliches Buch ist, gibt es im Vergleich zu Joey Goebels anderen Romanen, „Heartland“ und vor allem „Vincent“ doch eine leichte Einschränkung. So wirkt der Roman teilweise drehbuchartig, was wohl daher kommt, dass die Geschichte tatsächlich zuerst als Drehbuch gedacht war. Dieser Stil stört ein bisschen den gewohnten Lesefluss. Dies könnte in einem Buch über Menschen, die sich dem Normalen verschliessen, natürlich auch Programm sein. Wer weiß ..?
Doch auch wenn Freaks das drittbeste der drei Romane von Joey Goebel ist: eine Empfehlung ist dieser besondere Roman in jedem Fall wert.

John Irving: Garp und wie er die Welt sah

Irving schafft es durch seine skurrilen Geschichten, seine besonderen Charaktere und dramatische Wendungen kombiniert mit komischen Elementen, seinen ganz eigenen, einzigartigen Stil zu entwickeln. Und der ist einfach großartig. Verrückte Geschichten, die sich grad an der Grenze des Unglaubwürdigen einfinden, aber eben nicht darüber. Unterhaltsam, traurig, witzig, dramatisch, komisch, …. Garp hat alles davon, ist ein typischer Irving, von denen, die ich bislang gelesen hab, vielleicht der typischste. Dabei sind die vorherrschenden Themen Frauen und Feminismus sowie Garps zu ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und natürlich noch einiges mehr, schliesslich handelt es sich um eine ganze Lebensgeschichte. Wer noch nie Irving gelesen hat, dürfte mit diesem Werk ordentlich Appetit bekommen.