Posts Tagged ‘Politik’

Umberto Eco – Der Friedhof in Prag

Umberto Eco - Der Friedhof in Prag„Der Friedhof in Prag“ ist der zweite Roman nach „Der Name der Rose“, den ich von Umberto Eco gelesen habe. Und ich bin am Ende doch irgendwie begeistert, das Thema ist höchst interessant, und raffiniert baut Eco tatsächliche Aussagen realer Figuren und Geschehnisse um seine fiktive Hauptfigur Simone Simonini. In dieser Konstellation erzählt Eco, wie „Die Protokolle der Weisen von Zion“, das gefälschte Dokument, das Antisemiten bis heute für die Unterstützung ihres Hasses und ihrer Feindseligkeit nutzen, obwohl schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts bewiesen ist, dass sie gefälscht sind, entstanden sein könnte und wie überhaupt geschichtliche Ereignisse aufgrund von gefälschten Briefen, Dokumenten, Papieren so und nicht anders passiert sind.
Einziger Wermutstropfen dieses spannenden Romans, der in Tagebuchform geschrieben ist, ist die Masse an Figuren und an Geschehnissen: Trotz ausführlicher Fussnoten im Anhang ist es sehr schwierig, einen Uberblick zu behalten. Dies ist aber gut zu verkraften, die unglaubliche Dreistigkeit, mit der in „Der Friedhof in Prag“ Geschichte gelenkt und Menschen aus dem Weg geräumt werden, wie Menschen manipuliert werden, teils nur um von aktuellen Problemen abzulenken oder sich Gründe für eine bestimmte Vorgehensweise zu schaffen, ist auch so erschreckend und gleichzeitig fesselnd.

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Joey Goebel: Heartland

Die USA vor der Wahl für das Repräsentantenhauses: John Mapother, 40-jähriger Sproß einer der reichsten Familien des Landes, sieht in seiner Kandidatur den Anfang einer Karriere, die in der Präsidentschaft ihren Höhepunkt finden soll. Um sich auch die Stimmen der Unter- und Mittelschicht zu sichern, spannt er seinen 13 Jahre jüngeren Bruder Blue Gene ein. Der hat sich von der Familie und ihrem Reichtum losgesagt, wohnt in einem Trailer und arbeitet als Flohmarktverkäufer, stellt also das krasse Gegenstück zum Snobismus und dem besseren Leben der Mapothers dar. Aber genau dadurch soll er Johns Image auch bei diesem Klientel bessern und Wahlwerbung machen. Als berge dieses Aufeinanderknallen der Kulturen, Wrestling versus Gala Diner, Flohmarkt versus Big Business, nicht schon genug Konfliktpotential, bahnen sich zudem dunkle Familiengeheimnisse ihren Weg ans Licht, die die Pläne der Mapothers zu vereiteln drohen. Passend am 4. Juli im großen amerikanischen Wahljahr 2008 erschienen erzählt Heartland die Verbindung einer Familiengeschichte, die Spuren der Extreme wie bei John Irving aufweist, mit einer Gesellschaftssatire, die inhaltlich teilweise an die Dokumentationen von Michael Moore erinnert. Beinahe unvorstellbar sind hierzulande die Waffenvernarrtheit, die Rolle, die der Glaube an Gott spielt und wie er mißbraucht wird, der blinde und aggressive Patriotismus, der für viele den einzigen Halt darstellt, weil sie nichts anderes haben. Doch Joey Goebel erzählt auch von Träumen einer besseren Welt, von Alternativen, von Liebe und Ehrlichkeit. Joey Goebel, 1980 geboren als Sohn zweier Sozialarbeiter, schreibt flüssig und spannend, so daß die 720 Seiten wie im Fluge vergehen. Wer den reißerischen Stil des Michael Moore nicht so mag und dennoch etwas über das Leben in den USA erfahren will, wie schwierig und ungerecht es sein kann, sollte sich Heartland unbedingt zu Gemüte führen. Wer einfach eine gute und fesselnde Geschichte lesen will, kann es dem gleich tun. Heartland bietet beides.

Martin Sonneborn: Das PARTEI-Buch

Zwölf Jahre nach der bevorstehenden Machtübernahme der PARTEI kann keiner mehr sagen „Ich hab doch von nix gewusst“, das wäre in der heutigen Zeit mit Internet und Videotext mehr als unglaubwürdig. Folglich kann man sich auch gleich richtig informieren! Ideal dafür ist das PARTEI-Buch: Auf 240 Seiten dokumentiert Martin Sonneborn, wie Titanic-Mitarbeiter schon früher im Namen von FDP, SPD und CDU Wahlkampf betrieben haben, wie schließlich der Beschluß entstand, dies auch im eigenen Namen zu tun, wie erfolgreiche Wahlkämpfe aussehen müssen, nämlich schmierig und populistisch, und wie so der Weg an die Macht geebnet werden kann. Als Titanic-Leser kennt man vieles schon, aber es gebündelt in einem Buch zu lesen, ist doch sehr aufschlussreich, und manche Aktionen, die man vielleicht nicht mitbekommen hatte, lassen einen noch einmal zusätzlich schmunzeln bis debil grinsen. Sehr gelungen sind die „sachdienlichen Hinweise“, die immer an passender Stelle eingefügt sind. Das sind in erster Linie Ausschnitte aus allen möglichen Zeitungen, Kommentare zum Thema PARTEI, aus denen sich lesen läßt, wie fassungslos die deutsche Presse teilweise mit der kleinen, schmierigen, aber immer ehrlichen und höchst engagierten politischen Organisation umgegangen ist. Leider hat Bundeswahlleiter Egeler der PARTEI den Parteienstatus aufgrund falscher Annahmen aberkannt, so daß die PARTEI dieses Jahr höchstwahrscheinlich nicht zur (von ihr zum PARTEI-Jubiläum veranstalteten) Bundestagswahl 2009 antreten kann. Dann muß der große Wechsel eben noch einmal 4 Jahre warten, aber gut Ding will eben Weile haben.