Posts Tagged ‘Philosophie’

Steve Toltz: Vatermord und andere Familienvergnügen

Australiens irrste Familie sind wohl die Deans, zumindest in Steve Toltz‘ Romandebut Vatermord und andere Familienvergnügen. Jasper Dean erzählt, wie sein Vater Martin und dessen Bruder Terry Berühmtheit auf dem ganzen Inselkontinent erlangten, der eine als Wohltäter und Gutmensch, aber gehasst wie kein Zweiter, der andere als Mörder, beliebt und geachtet vom ganzen Volk. Vor allem erzählt Jasper aber von seinem Verhältnis zu seinem Vater, der Wahnsinn und Genie, Philosoph und Loser in sich vereint und seinem Sohn alles andere als ein leichtes Leben bereitet, so dass dieser ständig zwischen Bedauern, Verehrung, Hass und irgendwo dann doch so etwas wie Vaterliebe schwankt. Ständige Schicksalsschläge, fehlgeleiteter Ehrgeiz, fataler Weltverbesserungswille, Mord, Flucht, Liebe, Trauer und so vieles mehr stecken in Steve Toltz‘ schräger Familiensaga, die temporeich von Katastrophe zu Katastrophe schlittert und einen dennoch ungläubig schmunzeln lässt, von Anfang bis Ende.
Zudem begeistert Steve Toltz mit einem außerordentlich guten Gespür für Sprache, jeder einzelne Satz könnte nicht besser formuliert sein und den einen oder anderen liest man gern öfter, sei es um ihn sich einzuprägen oder aus reiner Freude daran. 800 Seiten Lesevergnügen, treffender kann man es nicht formulieren.
Seiner Karriere als Privatdetektiv, Kameramann, Telefonverkäufer, Sicherheitsbediensteter, Englischlehrer und Drehbuchautor lässt Steve Toltz damit einen Einstieg als Schriftsteller folgen, der besser kaum sein könnte.

Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe

Raskolnikow, ein verarmter Student im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts, sieht seine einzige Chance, an seiner Karriere weiter zu arbeiten, im Verbrechen. Ohne Geld kein Studium und da er der Welt sein Genie nicht verschliessen will, ist es seine Pflicht, irgendwie Geld aufzutreiben, um so sein Studium fortsetzen zu können. Was ist schon eine alte unbeliebte fiese Pfandleiherin im Vergleich zu dem, was er der Welt bieten könnte, hätte er nur das Geld für seine Ausbildung. So reift in ihm ein folgenschwerer Entschluß.

Klassische Weltliteratur, das klingt immer nach schwierig, anstrengend, kaum zu bewältigen, nach Arbeit und erinnert an düstere Schulzeiten in denen Literatur durch Zwang zu Folter verkam.
Nichtsdestotrotz habe ich mir einmal vorgenommen, mich an möglichst vielen Klassikern bzw. deren Autoren wenigstens einmal zu versuchen, so dass ich sie danach guten Gewissens in die Ecke pfeffern und alles weitere ignorieren kann, weil der gute Wille ja da war … oder eben auch nicht, nämlich mich begeistern zu lassen, zu verstehen, was großartig ist und Spaß daran zu finden.
So hab ich mich dann auch an Dostojewskis Verbrechen und Strafe gemacht, mit einer Erwartung, die an die Situation am Fuße eines zu bezwingenden Berges erinnert. Man will es packen, man rechnet aber nicht mit viel Freude daran, aber andere haben es ja auch geschafft. Und siehe da: So schwer war der Aufstieg gar nicht. Verbrechen und Strafe hat viel von einem Krimi, spannende Momente, die Sprache ist dank der gelungen Übersetzung Swetlana Geiers gar nicht so schwierig, manch etwas langatmige Stelle gibt es zwar, aber da ist man schnell drüber weg. Und die etwas schwülstigen Reden und Dialoge passen zu der Zeit und lassen den Umgang der Menschen untereinander, die im 19. Jahrhundert in St. Petersburg lebten oder teils eher vegetierten, erleben.
So gehört Dostojewski nach der Lektüre von Verbrechen und Strafe nicht zu den Autoren, die ich ignorieren werde. Anspruchsvolle Literatur, die sich aber gut lesen lässt, eine spannende Handlung, eine philosophische Abhandlung darüber, ob Grenzen überschritten werden dürfen, wer sich über Regeln hinwegsetzen darf und gleichzeitig ein Krimi, der so manchem modernen Krimi in nichts nachsteht.
Überraschung gelungen.