Posts Tagged ‘New York’

Jonathan Lethem: Chronic City

Jonathan Lethem: Chronic CityChase Insteadman ist ein gern gesehener Gast auf Dinerpartys in New York, allerdings weniger wegen seiner Person, sondern in erster Linie, weil er mit einer im All verschollenen Astronautin verlobt ist und bei ein paar Leuten vielleicht noch, weil er als Kind der Star einer Fernsehserie war. Seither lebt er von seinen Tantiemen und hat sonst nicht viel vorzuweisen, außer eben seiner Verlobten Janice. Diese schreibt ihm Briefe, die in der kriegsfreien Ausgabe der New York Times abgedruckt werden und somit ganz New York zu Tränen rühren.
Sein Leben ändert sich, als er den ehemaligen Rockkritiker Perkus Tooth trifft. Mit dem Verschwörungstheoretiker begibt er sich auf die von Marihuana umnebelte Suche nach der Wahrheit, nach der Wahrheit um einen riesigen Tiger, der in  New York wütet, nach der Wahrheit um die Kaldrone, einzigartig schöne Vasen, deren Anblick allein genügt, süchtig zu machen, nach der Wahrheit um Chase’ Liebe zu Janice und zu seiner Geliebten Oona,nach der Wahrheit um New York, nach der Wahrheit des Lebens.

Chronic City ist kein einfaches Buch. Obwohl Jonathan Lethems Schreibstil flüssig zu lesen ist, gibt es in Chronic City doch manche Passagen, die langatmig sein können, manche Szenen wirken willkürlich aneinander gereiht, die Geschichte um Chase und Perkus verschwimmt in ihren verkifften Dialogen und vieles scheint aus der Luft gegriffen. Doch immer wieder zeigt Lethem, dass es sich lohnt, dieses Werk in Angriff zu nehmen, sei es durch Sätze, die man einfach geniessen kann und gerne noch einmal liest, durch skurrile Szenen oder durch die kauzigen Charaktere, allen voran Perkus Tooth. Zum Ende hin nimmt Chronic City zudem eine überraschende Wendung, die den Roman nochmals aufwertet.
Wer sich nicht scheut, Gehirnschmalz in die Deutung eines Romans zu stecken, vielleicht sogar mit anderen darüber diskutieren kann, wer sich von anstrengendem Lesen nicht abschrecken lässt, dem sei Chronic City empfohlen.

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Camilla Way: Little Bird

Als Zweijährige wird Elodie in der Normandie von einem stummen Mann aus ihrem Kinderwagen entführt. Zehn Jahre lang lebt sie mit ihm im Wald in einer einfachen Hütte, bis er sich eines Tages umbringt und sie an einer Straße aufgelesen wird. Das Mädchen, das niemals sprechen gelernt hat, aber Vogelstimmen perfekt imitieren kann, wird einer amerikanischen Linguistin anvertraut. Elodie wird der lebende Beweis, dass auch ein sogenanntes Wildes Kind sprechen lernen und ein normales Leben führen kann. Nach einem tragischen Unfall jedoch flüchtet Elodie nach New York und später nach London. Dort baut sie sich unter einer falschen Identität ein neues Leben auf. Doch ein Mann aus ihrem früheren Leben spürt sie auf und will sie töten.

Psychothriller steht auf dem Cover des 365 Seiten starken Taschenbuchs. Dabei fasziniert Little Bird vor allem in der ersten Hälfte, in der Elodies Entführung und anschliessende Entwicklung erzählt wird. Leider gelingt es Camilla Way nicht, diese Faszination auch in die zweite Hälfte mitzunehmen. So wird aus einer interessanten, besonderen Geschichte ein eher durchschnittlicher Thriller und man wird das Gefühl nicht los, dass hier schlussendlich Potential verschenkt wurde.

Adrian McKinty: Der sichere Tod

1992 herrscht in Nordirland eine hohe Arbeitslosigkeit. Michael Forsythe hat keine Chance, einen Job zu bekommen und nimmt daher das Angebot an, illegal nach New York auszuwandern, um dort für Darkey White zu arbeiten. In dessen Streetgang erkämpft er sich mit skrupellosen Methoden schnell Vertrauen und Respekt. Wäre da nicht Bridget, Darkeys Freundin, die auch Michael den Kopf verdreht und eine Affäre mit ihm anfängt. Darkeys Rache ist grausam, aber Michael entgeht seinem eigentlich sicheren Tod und beginnt einen blutigen Rachefeldzug.
Anfang der Neunziger fanden in New York etwa 2000 Morde pro Jahr statt. Adrian McKinty, der in dieser Zeit wie seine Figur Michael Forsythe in Harlem lebte, erzählt in Der sichere Tod nicht nur eine grausame und spannende Gangsterstory, sondern verfasste auch eine Milieustudie: Themen sind nicht nicht nur die Kriminalität und die Gangs, sondern auch das Umfeld, die Menschen, die in ärmlichsten Verhältnissen zwischen dieser Gewalt leben mussten. So skrupellos und konsequent Michael Forsythe auch seiner Arbeit nachgeht, der im Vergleich zum anderen Gangpersonal belesene und intelligente Ire lässt immer wieder durchblicken, dass er mit seinem Gewissen kämpft und viel lieber ein ehrliches Leben aufbauen würde. Ob der zweite Teil der Michael Forsythe-Trilogie davon handelt, wage ich zu bezweifeln.
Wirklich überraschende Wendungen sucht man in Der sichere Tod vergebens. Adrian McKinty erzählt aus Michael Forsythes Perspektive, der in seiner Erzählung ab und zu gerne vorgreift und die Konsequenzen alternativer Handlungsweisen zu bedenken gibt. Dennoch liest sich das Buch spannend und flüssig. Nur die in die coole Erzählweise eingestreuten etwas blumigen Gedanken und Träume ziehen sich manchmal und man ist froh, wenn McKinty wieder zu seiner eigentlichen Story findet. Diese entschädigt das aber allemal. Ich bin gespannt auf The Dead Yard, den zweiten Teil der Michael Forsythe-Trilogie.