Posts Tagged ‘Musik’

John Niven: Kill Your Friends

Steven Stelfox ist A&R Manager einer großen Londoner Plattenfirma. A&R steht für Artist & Repertoire, sein Job ist es, Künstler zu finden, die für seine Firma möglichst lukrativ sind. Umnebelt von Drogen und Sex, ob mit Prostituierten oder Bekanntschaften, hat er schon lange keinen Hit mehr gelandet und ist verantwortlich für Musiker, die Unmengen an Geld kosten und keines einspielen. Als ihm ein Kollege den Job wegschnappt, auf den er spekuliert hat, macht er für seine Karriere auch vor Mord nicht Halt.

John Niven war in den Neunzigern selbst als A&R Manager tätig und baut aus seinen Erfahrungen in der Musikbranche eine der fiesesten, zynischsten und abgründigsten Figuren, die man in Romanen finden kann. Seine Hauptfigur Steven Stelfox erzählt dabei in erster Linien von Drogen- und Sexexzessen, eklig und schockierend, pornographisch und satirisch überzogen. In seinen Augen sind Frauen Objekte mit schnellem Verfallsdatum, deren Erniedrigung ihn erregt, Menschen generell verachtenswert, das Leben dient nur dem schnellen Geld und dem noch schnelleren Fick. Leider kommt die eigentliche Handlung dabei etwas zu kurz. Dieser hätte John Niven gerne etwas mehr Platz einräumen dürfen, das hätte der aufgrund Fäkalsprache und kaputter Phantasien durch und durch verkommenem Atmosphäre keinen Abbruch getan.
Dennoch ist Kill Your Friends eine für Hartgesottene empfehlenswerte Satire auf die große Zeit der Plattenfirmen in den Neunzigern, geschrieben von einem Insider, der die Klischees der Branche auf die Spitze treibt. Wieviel Wahres daran ist, will man vielleicht besser gar nicht wissen.

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Joey Goebel: Freaks

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, und dennoch haben sie eine große Gemeinsamkeit: Sie sind besonders, aber ausgelacht und verachtet von den normalen Menschen um sie herum.
Die 80jährige Oma im Sex Pistols-T-Shirt mit regem Sexleben, das 8jährige Mädchen, das alles und jeden hasst, die hübsche satanistische Stripperin im Rollstuhl, der Iraki, der den Amerikaner sucht, den er im ersten Irakkrieg angeschossen hat, um sich bei ihm zu entschuldigen und der Afroamerikaner mit der abartigen Frisur, dessen intellektuelle Genialität mit Drogenrausch verwechselt wird – sie sind beste Freunde und gründen eine Band namens The Freaks.
Joey Goebel erzählt die Geschichte der Freaks in seinem zweiten Roman nicht nur aus der Perspektive der einzelnen Bandmitglieder, sondern auch der Menschen um sie herum. So ertappt man sich teilweise dabei, auf der Seite der „Humanoiden“, wie sie vom genialen, ständig in Selbstgespräche versunkenen, Sänger der Freaks genannt werden, zu sein, obwohl die fünf für ihr Verhalten durchaus logische und nachvollziehbare Gründe haben. Eigentlich sogar verständlicher als die „normalen“ Verhaltensmuster. Dieser Spiegel, der einem vorgehalten wird, ist dabei aber in einer so komischen, skurrilen und witzigen Geschichte verpackt, dass er fern jeglichen erhobenen Zeigefingers ist.
Obwohl Freaks aber ein sehr gelungenes, ebenso unterhaltsames wie dann doch nachdenkliches Buch ist, gibt es im Vergleich zu Joey Goebels anderen Romanen, „Heartland“ und vor allem „Vincent“ doch eine leichte Einschränkung. So wirkt der Roman teilweise drehbuchartig, was wohl daher kommt, dass die Geschichte tatsächlich zuerst als Drehbuch gedacht war. Dieser Stil stört ein bisschen den gewohnten Lesefluss. Dies könnte in einem Buch über Menschen, die sich dem Normalen verschliessen, natürlich auch Programm sein. Wer weiß ..?
Doch auch wenn Freaks das drittbeste der drei Romane von Joey Goebel ist: eine Empfehlung ist dieser besondere Roman in jedem Fall wert.

Es tut mir leid!

Frisch umgezogen, die Gelegenheit nutze ich, meine CDs mal wieder neu zu sortieren, was heißt Gelegenheit, da nur noch vier von sieben Regalteilen ihren Platz im Wohnzimmer finden und der Rest ins Schlafzimmer verbannt wird, bleibt mir nichts anderes übrig. Sortieren und vor allem ausmisten … Schliesslich will ich alles, was mir wichtig ist, im Wohnzimmer griffbereit haben. Daß die Scheiben alphabetisch, natürlich nach dem Künstler sortiert werden ist klar, Splitalben nach dem wichtigeren Künstler, The oder Die werden ignoriert, Sampler extra sortiert, Soundtracks extra, Klassik (ja auch die) natürlich ebenso wie Hörbücher. Ok, kennt man aus jedem Laden, sogar Onlineshops sind so sortiert.

Schwieriger wird da das Ausmisten, es sei denn, man macht es sich einfach und sortiert einfach die aus, die man ewig nicht gehört hat. Ja, genialer Plan, zum Scheitern verurteilt, schliesslich besteht die Hälfte der Zeit, die ich zum Aussortieren brauche, im Wiederentdecken alter Schätze, die KEINESFALLS verbannt werden dürfen. Ach ja, und dann sind da noch die CDs, die ich früher ganz toll fand, und unbedingt nochmal hören muss, ob die mir immer noch taugen, die nur aufgrund Vordrängelns anderer, aktuellerer oder einfach nur neu gekaufter Musik verlassen ihr Dasein fristeten. Aha, auch ne ganze Menge, muß ich mal Urlaub für nehmen. Zum Glück gibts noch die Bands, für die man sich fast schämt, die kann ich getrost rausschmeissen. Sogar Alben, die alle ganz toll finden, was ich aber nie verstand, die sozusagen nur für den Fall, dass ich noch Zugang finden könnte, oder ganz banal „weil man sie halt hat“ in meinem Heim landeten, traue ich mich in den Karton fürs Schlafzimmer zu werfen. Soweit komm ich noch klar. Jetzt folgt allerdings ein wahrer Nervenkitzel, der Schritt, sich selbst zum Banausen zu machen: Das Auseinanderreißen der Diskographie EINES Künstlers! Macht ja Sinn, wieviele gibt es, deren Debut grandios war, und in Erwartung ähnlicher Größe kaufte man sich das zweite Werk und siehe da … ganz nett. „Ganz nett“ heißt „wird so gut wie nie gehört“. Bei Platzmangel definitiv eine Möglichkeit zum Platzsparen, „ganz nett“ rauszuwerfen, aber das Herz blutet dabei. Naja, letzten Endes, Künstlern, die ich mag, tu ich das nicht an, kann ich nicht, auch wenn mal eine Flaute dabei ist. Und wer mich noch nicht wirklich gepackt hat, fliegt teilweise raus. Warum nicht ganz? Naja, es soll ja von jedem und allen was dabei sein … so geschafft, Z läßt gerade noch ein paar Plätze für Klassik. Soundtracks und Sampler haben verloren … es tut mir leid.