Posts Tagged ‘London’

Camilla Way: Little Bird

Als Zweijährige wird Elodie in der Normandie von einem stummen Mann aus ihrem Kinderwagen entführt. Zehn Jahre lang lebt sie mit ihm im Wald in einer einfachen Hütte, bis er sich eines Tages umbringt und sie an einer Straße aufgelesen wird. Das Mädchen, das niemals sprechen gelernt hat, aber Vogelstimmen perfekt imitieren kann, wird einer amerikanischen Linguistin anvertraut. Elodie wird der lebende Beweis, dass auch ein sogenanntes Wildes Kind sprechen lernen und ein normales Leben führen kann. Nach einem tragischen Unfall jedoch flüchtet Elodie nach New York und später nach London. Dort baut sie sich unter einer falschen Identität ein neues Leben auf. Doch ein Mann aus ihrem früheren Leben spürt sie auf und will sie töten.

Psychothriller steht auf dem Cover des 365 Seiten starken Taschenbuchs. Dabei fasziniert Little Bird vor allem in der ersten Hälfte, in der Elodies Entführung und anschliessende Entwicklung erzählt wird. Leider gelingt es Camilla Way nicht, diese Faszination auch in die zweite Hälfte mitzunehmen. So wird aus einer interessanten, besonderen Geschichte ein eher durchschnittlicher Thriller und man wird das Gefühl nicht los, dass hier schlussendlich Potential verschenkt wurde.

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Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

London 1888: Der berühmteste Serienmörder der Geschichte treibt im Stadtteil Whitechapel sein Unwesen: Jack The Ripper, wie ihn die Presse nennt, ermordet Prostituierte und weidet sie bestialisch aus. Soweit die wahre Geschichte, was allerdings wirklich passiert ist, konnte bislang nie einwandfrei nachgewiesen werden. So gibt es einige Theorien, mal mehr mal weniger skandalös, politisch motiviert und intrigant. Alan Moore und Eddie Campbells umfangreicher Comicband From Hell, benannt nach dem Absender eines möglicherweise glaubhaften Bekennerschreibens, erzählt, wie es gewesen sein könnte und orientiert sich dabei an Fakten und an Übereinstimmungen unterschiedlicher Theorien. Dabei entsteht zum Einen ein spannender Thriller in düsteren Bildern, zum Anderen eine akribisch genaue Untersuchung der Fakten und Umstände, da im Anhang genau aufgeschlüsselt wird, auf welchen Informationen welche Szene beruht, wie glaubwürdig Theorien sind, woher sie kommen und was auf unumstößlichen Fakten aufgebaut ist. Alan Moores Deutungen und eigene Theorien, die sich vor allem auf die Psyche des Mörders beziehen, sind gut in die Geschichte integriert, so daß dieser Thriller in sich stimmig erscheint.

From Hell ist kein Comic, der auf die Schnelle oder nebenbei gelesen werden sollte. Die Vorlage des gleichnamigen Kinofilms mit Johnny Depp erfordert vielmehr große Aufmerksamkeit und eigenes Verstehen der Bilder, da auf bildbeschreibende Texte, wie es sie in anderen Comics gibt, verzichtet wird. Wer sich allerdings auf die 600 Seiten umfassende Mischung aus Fiktion und Wahrheit einlässt, erlebt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch ein gelungenes Gesellschaftsportrait des viktorianischen Londons.