Posts Tagged ‘Literatur’

Stefan Kiesbye: Hemmersmoor

Stefan Kiesbye - HemmersmoorChristian, Martin, Linde und Alex treffen sich nach über 40 Jahren bei der Beerdigung von Anke, ihrer Freundin aus Kindeszeiten, in Hemmersmoor, einem norddeutschen Dorf, in dem sie aufgewachsen sind. In ihrer Kindheit erlebten sie dort schaurige Geschehnisse, Gewalttaten bis hin zum Mord, ausgelöst durch Spielereien, die in Boshaftigkeiten ausarteten, durch Aberglaube, durch die Enge und Engstirnigkeit im kleinen abgelegenen Ort, dem Eingang der Hölle?

Nicht nur das Buchcover vermittelt die passende Stimmung zu einem Schauerroman. Stefan Kiesbye versteht es, diese Atmosphäre auch in seine Geschichte zu packen, düster, geprägt von dörflichem Aberglauben und Rachegelüsten, Angst und Schicksalsergebenheit. Dabei wirkt der Roman wie eine Aneinanderreihung morbider Vorfälle. Die Greueltaten bauen zwar teilweise aufeinander auf, jedoch fehlt das große Etwas, auf das Hemmersmoor hinsteuert. Trotzdem sind die einzelnen Kapitel, die jeweils aus der Perspektive eines Beteiligten erzählt werden, spannend, schockierend und flüssig zu lesen. Hemmersmoor hat mehr von einer altmodischen Horrorgeschichte a la Poe als von einem modernen Schocker. Wer es schätzt, sich in seinem alten ledernen Ohrensessel bei einem Glas Wein und Kerzenlicht der dunklen Seite zu widmen, liegt mit Stefan Kiesbyes Schauerroman richtig.

Jonathan Lethem: Chronic City

Jonathan Lethem: Chronic CityChase Insteadman ist ein gern gesehener Gast auf Dinerpartys in New York, allerdings weniger wegen seiner Person, sondern in erster Linie, weil er mit einer im All verschollenen Astronautin verlobt ist und bei ein paar Leuten vielleicht noch, weil er als Kind der Star einer Fernsehserie war. Seither lebt er von seinen Tantiemen und hat sonst nicht viel vorzuweisen, außer eben seiner Verlobten Janice. Diese schreibt ihm Briefe, die in der kriegsfreien Ausgabe der New York Times abgedruckt werden und somit ganz New York zu Tränen rühren.
Sein Leben ändert sich, als er den ehemaligen Rockkritiker Perkus Tooth trifft. Mit dem Verschwörungstheoretiker begibt er sich auf die von Marihuana umnebelte Suche nach der Wahrheit, nach der Wahrheit um einen riesigen Tiger, der in  New York wütet, nach der Wahrheit um die Kaldrone, einzigartig schöne Vasen, deren Anblick allein genügt, süchtig zu machen, nach der Wahrheit um Chase’ Liebe zu Janice und zu seiner Geliebten Oona,nach der Wahrheit um New York, nach der Wahrheit des Lebens.

Chronic City ist kein einfaches Buch. Obwohl Jonathan Lethems Schreibstil flüssig zu lesen ist, gibt es in Chronic City doch manche Passagen, die langatmig sein können, manche Szenen wirken willkürlich aneinander gereiht, die Geschichte um Chase und Perkus verschwimmt in ihren verkifften Dialogen und vieles scheint aus der Luft gegriffen. Doch immer wieder zeigt Lethem, dass es sich lohnt, dieses Werk in Angriff zu nehmen, sei es durch Sätze, die man einfach geniessen kann und gerne noch einmal liest, durch skurrile Szenen oder durch die kauzigen Charaktere, allen voran Perkus Tooth. Zum Ende hin nimmt Chronic City zudem eine überraschende Wendung, die den Roman nochmals aufwertet.
Wer sich nicht scheut, Gehirnschmalz in die Deutung eines Romans zu stecken, vielleicht sogar mit anderen darüber diskutieren kann, wer sich von anstrengendem Lesen nicht abschrecken lässt, dem sei Chronic City empfohlen.

Kevin Power: Die letzte Nacht des Sommers

Richard, Barry und Stephen sind Studenten eines Colleges in Dublin, gehören zur traditionsreichen und finanziell besser gestellten Oberschicht, spielen Rugby und trinken gern mal einen. Am 31. August feiern und zechen sie genauso wie Conor, ebenfalls Rugbyspieler vom College, den sie noch aus ihrer Kindheit kennen, in einem Pub. Als dieser schliesst, geschieht das Unfassbare. Die drei sowie noch einige weitere Jungs prügeln auf Conor ein und treten ihn, als er reglos am Boden liegt. Später im Krankenhaus stirbt er.

Anders als andere Romane stellt “Die letzte Nacht des Sommers” gleich zu Beginn klar, was passiert ist, wer getötet wurde und von wem. Inhalt des Romandebüts von Kevin Power ist, wie es dazu kam, in welchen sozialen Gefügen Täter und Opfer aufwuchsen, welche Rolle Traditionen ihrer Herkunft, Eltern, Schule spielten. Dies baut eine ungeahnte Spannung auf, man liest wie in einem Tatsachenbericht, der voller Mitgefühl ist und dennoch eine gewisse – auch nötige – Distanz bietet. Fassungslos verfolgt man die Untersuchung des Falls, die Gerichtsverhandlung und wie die Familien sowohl des mutmasslichen Haupttäters als auch des Opfers damit umgingen.

“Die letzte Nacht des Sommers” basiert auf einer wahren Geschichte, daher sorgte der Roman bei seinem Erscheinen in Irland für ordentlichen Wirbel. Kevin Power setzte das Thema fesselnd, aber keineswegs reißerisch um und schuf damit ein außergewöhnliches, sehr empfehlenswertes Buch.

Cormac McCarthy: Die Straße

Ein Mann zieht zusammen mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Nordamerika. Zwischen grauen Wäldern und toten Städten begegnen die beiden nur selten anderen Menschen, die auch so lange überlebt haben. Und wem sie begegnen, können sie nicht trauen. Die Angst vor Kannibalismus, Vergewaltigung, purer Gewalt besiegt das Sehnen nach Freundschaft, Gesprächen, Nähe. Wer anderen helfen will, muß die tödliche Gefahr des Vertrauens eingehen, wer macht das schon, zumal der Sohn beschützt werden soll. Hoffnung auf was? Es gibt nichts mehr. Der Tod, willkommene Lösung, aber Angst davor treibt das Leben voran. Das Leben in einem ständigen Ascheregen, in der allgegenwärtigen Kälte, und doch ist da die Fürsorge, die väterliche Liebe, die der Verzweiflung standzuhalten versucht, die ihm einen Sinn gibt, wo es keinen geben kann.

Cormac MacCarthy versteht es, seine Leser die Trostlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Angst und die endlose Suche nach einem Funken Hoffnung erleben zu lassen. In wenigen, aber treffsicheren Worten und Sätzen wird ein Bild der Kälte und des grauen, verlorenen Landes fühlbar gemacht, das sich einprägt und stärker nachhält als so mancher Film.

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Eine tödliche Verwechslung zwingt den zwölfjährigen Daniel, zusammen mit seinem alleinerziehenden Vater  Dominic Baciagalupo aus seinem Heimatort Twisted River zu fliehen. Diese Flucht bestimmt nahezu sein ganzes Leben, Vater und Sohn müssen immer wieder fliehen und sich an neuen Orten ein neues Leben aufbauen. Einzige Verbindung nach Twisted River ist ihr Freund Ketchum, ein grobschlächtiger und trinkfester Holzfäller, der die Situation daheim beobachtet und sich für den Koch Dominic und den angehenden Schriftsteller Daniel verantwortlich fühlt.

Bären, ungewöhnliche zwischenmenschliche Beziehungen, ein Schriftsteller, Unfälle – Irvings neuer, epischer Roman erscheint wie eine Mixtur aus Altbewährtem. Diese funktioniert wunderbar: Gemessen an vielen anderen Schriftstellern ist Letzte Nacht in Twisted River ein hervorragendes Buch. Leider aber ist John Irving sein eigener größter Konkurrent und muss seinen neuen Roman in erster Linie an eigenen früheren Werken messen lassen. Daß der bei diesem Vergleich nicht ganz so gut abschneidet, liegt zum Einen an den vielen Zeitsprüngen, die ein Folgen der Handlung manchmal schwierig machen. Zum Anderen entfaltet Irving seinen gewohnt skurrilen Humor nur in wenigen Szenen. Hielten sich sonst Lachen und Weinen die Waage, oft sogar beides zugleich, so ist Letzte Nacht in Twisted River mehr in Richtung Drama angelegt. Doch obwohl Letzte Nacht in Twisted River nicht an seine Meisterstücke wie Garp oder Owen Meany heranreicht, ist auch Irvings neuestes Werk eine unterhaltsame, besondere Familiengeschichte ohne Längen, der man sich gerne widmet.

Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

Barcelona 1945: Der zehnjährige Daniel Sempere wird von seinem Vater in den Friedhof der vergessenen Bücher geführt und darf sich ein Buch aussuchen und mitnehmen, für das er ab sofort verantwortlich ist. Daß seine Wahl, Der Schatten des Windes von Julian Carax, sein Leben nachhaltig beeinflussen und er in Intrigen und Verbrechen verwickelt wird – davon hat er keinen blassen Schimmer, als er beginnt, Spuren des ziemlich unbekannten Autors seines Buches zu suchen…

Der Schatten des Windes spielt in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur. Diese düstere Stimmung ist allgegenwärtig, Diktatur und brutale Staatsgewalt spielen eine große Rolle, obwohl Der Schatten des Windes in erster Linie ein Roman um die Liebe ist, der auch schöne Momente hat, einen sogar schmunzeln läßt. Aber eben auch Hass und Enttäuschung sowie die Konsequenzen daraus sind große Themen.
Großartig ist Carlos Ruiz Zafons Gabe, den Leser zu fesseln, in die fantasievolle Geschichte hineinzuziehen und bis zur letzten Seite nicht mehr loszulassen.

Sebastian Lühn: Sommer Stück Berlin

Früher waren sie unzertrennlich. Ein Liebespaar, platonisch, verbunden durch Träume vom selbstbestimmten Leben, leidenschaftlich, lebten in den Tag hinein, in der Provinz. Doch nach dem Abitur zieht das Leben sie auseinander, sie landet in Berlin, wo sie ihre Vorstellung vom Leben zu verwirklichen sucht, ihn verschlägt es nach München, die alten Träume weichen einem erfolgreichen Job. Beide sind der Provinz entflohen, aber unterschiedlicher könnten ihre neuen Leben kaum sein. Nun besucht er sie, drei Tage erlebt er ihr Leben, den Versuch der gelebten Träume, sie ist so viel näher an ihren früheren Idealen, aber macht sie das glücklicher? Läßt sich das Glück überhaupt erreichen?Sehnt er sich nach diesem Leben, oder ist er vielmehr zufrieden mit dem seinen? Zwischen der Freiheit von Zwängen, Berliner Partyleben und der Farce der Ach-So-Anderen steht auch die Frage, was an Berlin dran ist, an seinem Image, das so viele wie sie dorthin zieht.

Sommer Stück Berlin ist ein ruhiges Buch, Sebastian Lühns Sprache erinnert an Judith Hermann, so unaufgeregt und fast beiläufig erzählt er diesen Besuch bei seiner besten Freundin. Das schafft Raum für die Beschäftigung mit der Freundschaft der beiden, worauf sie gebaut ist, was die beiden im Endeffekt unterschiedlich werden ließ und wie zufrieden sie ihr Leben macht. Dafür ist die Kürze des Buches ideal, länger dürfte es nicht sein, dafür ist der Stil dann doch zu unaufgeregt.