Posts Tagged ‘Kurzgeschichten’

Ferdinand von Schirach: Schuld

Ferdinand von Schirach, mittlerweile einer der bekanntesten deutschen Strafverteidiger, erzählt auch in seinem zweiten Buch von besonderen Fällen, mit denen er in seiner Arbeit konfrontiert wurde. Diese Stories sind schockierend, dramatisch und fesselnd, reichen von traurigen menschlichen Schicksalen bis hin zu thrillerartigen Geschehnissen  und einmal blitzt sogar etwas Ironie zwischen Elend, Verbrechen und Strafen durch. Bei all diesen Geschichten, die der Berliner Anwalt basierend auf wahren Fällen zusammentrug, steht jedoch trotz der relativ sachlichen Erzählweise der Mensch im Vordergrund. Dies gelingt von Schirach in “Schuld” genauso gut wie in seinem Debüt “Verbrechen”.

Dass “Schuld” dennoch nicht an “Verbrechen” heranreicht, liegt an der Auswahl der Fälle. Es scheint, die interessantesten und beeindruckendsten wurden schon im Erstling verarbeitet. Die Messlatte lag aber auch ziemlich hoch, und so ist diese zweite Sammlung von Verbrechen und Schicksalen  ebenfalls sehr lesenswert.

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Lee Hollis: Monsters

Lee Hollis, Sänger einer der bekanntesten Punkbands Deutschlands, den Spermbirds und einer der geschätzesten Punkbands Deutschlands, Steakknife, Musiker in Deutschland seit den 80er Jahren, stammt aus Texas, war als GI hier stationiert und lebt und wütet seither hier, nicht nur als charismatischer Frontmann der genannten Bands sondern auch als Autor von Kurzgeschichten. Diese sind in Englisch geschrieben, und wurden nicht übersetzt, was aber kein Problem ist, da sie ziemlich leicht zu lesen und zu verstehen sind. Ein kleines Schmunzeln erzeugen die selten, aber gekonnt eingestreuten deutschen Worte. Soviel zum technischen. Auf knapp hundert Seiten, mit großer Schrift und noch großzügigerem Platzverbrauch, erwarten den Leser Geschichten sowohl aus dem Leben als auch aus den teils merkwürdigen Fantasien Hollis‘. Sehr amüsant sind die Hirngespinste, die meist in alltäglichen Situationen ihren Anfang nehmen. Und hier und da kommt unaufdringlich aber doch eindeutig gesellschaftskritisches zutage, gerade wenn es um Lee Hollis Heimat geht. Zwischen den Geschichten liest man kurze zensierte Einträge aus Lees Lesetour-Tagebuch, übrigens von einer Lesetour mit Jan Off. Zwei persönliche „Desperate Letter“ runden das kurzweilige, sehr unterhaltsame Buch ab. Irgendwie ärger ich mich. Ich ärger mich, dass ich mir schon seit bald zehn Jahren erzählen lasse, wie gut Lee Hollis Bücher sind. Und trotzdem erst jetzt das erste Mal eines gelesen hab. Damit werd ich es schwer haben, sein erstes Werk „Driving in a dead man’s car“ in die Finger zu bekommen. Das gibt es scheinbar nicht mehr im Handel. Sehr schade, sagen doch einige, es sei das beste. Ich weiss es nicht, aber „Monsters“ ist auf jeden Fall großartig. Und ich mach mich wieder auf die Suche nach dem Erstling.

Ferdinand von Schirach: Verbrechen

Elf Geschichten erzählt Ferdinand von Schirach in seinem Buch „Verbrechen“. Geschichten, die auf wahren Fällen beruhen, an denen er als Anwalt beteiligt war. Das Spektrum reicht von Raub über Notwehr bis hin zu brutalem Mord, aber alle sind ungewöhnlich, sei es wegen des Tathergangs, wegen der Motive oder wegen des Umfelds, in denen sie stattfinden. Fesselnd und faszinierend, erschütternd oder rührend sind die Schilderungen dieser Verbrechen und zeigen, dass es in der Justiz keine Schwarz-Weiß-Malerei geben kann.

Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, ist Anwalt von Prominenten und Industriellen, erzählt hier aber von Schicksalen, die sich im Kleinen abspielen. Er bedient sich dabei einer einfachen, flüssigen Sprache, fernab komplizierten Juristendeutschs und trotz der scheinbaren Distanz, mit der er faktenreich erzählt, merkt man, dass ihn solch extreme, besondere Verbrechen nicht kalt lassen, sondern der Mensch dabei im Mittelpunkt steht.
Dass Mord nicht gleich Mord, Raub nicht gleich Raub ist, wird besonders dann klar, wenn man die Motive und die Lebensgeschichte der Täter und der Opfer betrachtet.
Beiläufig erfährt man zudem einiges über die deutsche Justiz, Sinn und Aufgabe von Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Richter, Vorgehensweisen und Gesetze.

„Verbrechen“ fesselt, erzählt, erklärt, weckt Mitgefühl und Fassungslosigkeit, und läßt einen vor allem so schnell nicht los. Ferdinand von Schirach hat damit einen sehr gelungenen Einblick in seinen Berufsalltag geschaffen.