Posts Tagged ‘Künstler’

Carlos Ruiz Zafón: Marina

Barcelona im Jahre 1980: Der Internatsschüler Oscar lernt die schöne und geheimnisvolle Marina kennen. Das Mädchen, das mit seinem kranken Vater in einer heruntergekommenen Villa lebt, führt ihn auf einen alten Friedhof, wo die beiden eine schwarzgekleidete alte Frau beobachten, die ein Grab besucht, dessen Grabstein nur das Symbol eines schwarzen Schmetterlings ziert. Als sie die Dame, deren Gesicht ihnen verborgen bleibt, verfolgen, geraten sie in einen Strudel düsterer tödlicher Geschehnisse.

Schon auf den ersten Seite packt einen Zafóns Schreibstil, seine sehr bildhafte, aber düstere und melancholische Beschreibung Barcelons zieht den Leser in eine dunkle Märchenwelt, aus der dieser kaum mehr auftauchen mag. Diese Atmosphäre scheint in “Marina”, das Zafón schon vor seinem Bestseller “Der Schatten des Windes” schrieb, sogar noch konsequenter als in eben diesem “Schatten des Windes” oder auch der Fortsetzung “Spiel des Engels” zu sein. Ohne jegliche Längen führt das Buch in geheimnisumwitterte Abgründe, tragische Liebesgeschichten und tödlichen Wahn.
In meinen Augen ist “Marina” dem grandiosen “Schatten des Windes” durchaus ebenbürtig. Bleibt zu hoffen, dass Zafón nach “Spiel des Engels”, das zwar auch fantastisch ist, aber nicht an die beiden anderen Barcelona-Romane heranreicht, wieder zu alter Form findet und uns noch viele weitere dunkle Ausflüge in sein tragisches, morbides Barcelona schenkt.

Advertisements

David Albahari: Ludwig

David Albahari: LudwigSie sind beide Schriftsteller, sie waren befreundet, doch das ist Vergangenheit. Überhaupt, war diese Freundschaft nur einseitig? Dem einen, Ludwig, nicht so viel wert, dass er ihr zuliebe auf das Stehlen des ungeschriebenen Buches seines Freundes und Kollegen verzichtet hätte? Ludwig, der mit diesem Buch zu großer Berühmtheit gelangte, der Preise einheimste für einen Roman, den S. – wie er seinen Autorenfreund immer nannte, obwohl kein S in dessen Namen vorkommt – schreiben wollte, zu schreiben schon so lange plante. Ist das die Wahrheit? Ist alles nur geklaut, Ludwig ein Dieb, stünden die Preise, die Interviews, die Fans ihm gar nicht zu? Sondern eben jenem S., der alles für Ludwig tat und ihm von seinen Ideen und Träumen erzählte?

Der namenlose Schriftsteller in David Albaharis neuem  Roman lässt seinem Hass auf seinen Kollegen Ludwig, den er nicht zu hassen vorgibt, freien Lauf. Auf 150 atemlosen Seiten, die keinen Raum zur Rast lassen, erzählt er, wie Ludwig ihn ausnutzte, sich von ihm hofieren ließ, wie er seine Ideen stahl, sogar seine Hilfe an diesem Buch der Bücher leugnete. Diese Hasstirade greift um sich, schlägt immer wieder nach Belgrad und seinen Einwohnern, nach den Kritikern und Medien, um dann wieder der vergangenen Beziehung der beiden Autoren die Maske der Freundschaft herunterzureissen und den Betrug Ludwigs an seinem Kollegen anzuprangern. Doch nach und nach wird klar, dass diese Geschichte so eindeutig vielleicht gar nicht ist, dass viel eher eine gekränkte, verklärte Psyche verbal Amok läuft. Selbstgerechtigkeit springt in verschachtelten Sätzen mal hierhin, mal dorthin, gelangt immer wieder zu den selben Themen, um mit tiefster Inbrunst die Ungerechtigkeit der Welt anzuklagen und sich doch ein ums andere Mal selbst bloßzustellen.

Wer “Ludwig” liest, verspürt den Drang, den Roman in einem Stück durchzulesen. Das liegt aber weniger an den fehlenden Absätzen, Kapiteln oder sonstigen Unterteilungsmöglichkeiten, sondern an dem nicht enden wollenden Schwall an Gedanken. Gedanken, die immer in dem nächsten Gedanken münden und eine endlose Folge bilden, die einem den Wahn des scheinbar geprellten Schriftstellers greifbar macht und einen bis zum Ende nicht los lässt.

Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung

Hätte er nur nicht die Auersbergers getroffen. Und dann die geistige Umnachtung, als er ihre Einladung zu einem „künstlerischen Abendessen“ annahm geschweige denn, dass er auch noch hinging…
20 Jahre lang hatte er jeden Kontakt mit der künstlerischen Szene, in der er damals zu Hause war, gemieden. Weil er sie hasste, die Künstler und die Kunstliebhaber der Stadt Wien. Und nun sitzt er in einem Ohrensessel bei dem „künstlerischen Abendessen“ der Auersbergers und sagt kein Wort. Stattdessen rechnet er innerlich ab, erinnert sich, erinnert sich, warum sein Hass so unversöhnlich ist, erinnert sich, wie das damals war, sieht, was aus seinen ehemaligen Freunden geworden ist und bereut jede Sekunde, hergekommen zu sein.
Reicht das für ein Buch mit 320 Seiten? Ohne Kapiteleinteilung, ohne jedwede Einteilung, nicht einmal Absätze gönnt Thomas Bernhard den Lesern seiner Abrechnung mit falschen Menschen, Wichtigtuern und Egozentrikern. Unglaublich, dass der Autor es schafft, Satz an Satz aneinandergereiht, in ständiger Wiederholung über das ganze Buch doch immer wieder neue Facetten und neue Gründe seiner Ablehnung einzustreuen. So zeigt er nahezu in jedem einzelnen, wunderbar langen und doch gut verständlichen Satz seine Verachtung der Personen, mit denen er diesen Abend verbringen muss. Und dennoch ist Holzfällen nicht bar einer versöhnlichen Note oder Selbstkritik. Überwiegend macht Thomas Bernhard aber seiner Verachtung und seinem Hass Luft. Und das liest sich herrlich.

Joey Goebel: Freaks

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, und dennoch haben sie eine große Gemeinsamkeit: Sie sind besonders, aber ausgelacht und verachtet von den normalen Menschen um sie herum.
Die 80jährige Oma im Sex Pistols-T-Shirt mit regem Sexleben, das 8jährige Mädchen, das alles und jeden hasst, die hübsche satanistische Stripperin im Rollstuhl, der Iraki, der den Amerikaner sucht, den er im ersten Irakkrieg angeschossen hat, um sich bei ihm zu entschuldigen und der Afroamerikaner mit der abartigen Frisur, dessen intellektuelle Genialität mit Drogenrausch verwechselt wird – sie sind beste Freunde und gründen eine Band namens The Freaks.
Joey Goebel erzählt die Geschichte der Freaks in seinem zweiten Roman nicht nur aus der Perspektive der einzelnen Bandmitglieder, sondern auch der Menschen um sie herum. So ertappt man sich teilweise dabei, auf der Seite der „Humanoiden“, wie sie vom genialen, ständig in Selbstgespräche versunkenen, Sänger der Freaks genannt werden, zu sein, obwohl die fünf für ihr Verhalten durchaus logische und nachvollziehbare Gründe haben. Eigentlich sogar verständlicher als die „normalen“ Verhaltensmuster. Dieser Spiegel, der einem vorgehalten wird, ist dabei aber in einer so komischen, skurrilen und witzigen Geschichte verpackt, dass er fern jeglichen erhobenen Zeigefingers ist.
Obwohl Freaks aber ein sehr gelungenes, ebenso unterhaltsames wie dann doch nachdenkliches Buch ist, gibt es im Vergleich zu Joey Goebels anderen Romanen, „Heartland“ und vor allem „Vincent“ doch eine leichte Einschränkung. So wirkt der Roman teilweise drehbuchartig, was wohl daher kommt, dass die Geschichte tatsächlich zuerst als Drehbuch gedacht war. Dieser Stil stört ein bisschen den gewohnten Lesefluss. Dies könnte in einem Buch über Menschen, die sich dem Normalen verschliessen, natürlich auch Programm sein. Wer weiß ..?
Doch auch wenn Freaks das drittbeste der drei Romane von Joey Goebel ist: eine Empfehlung ist dieser besondere Roman in jedem Fall wert.

Joey Goebel: Vincent

Wie entsteht Kunst, wie kann man sie bestmöglich formen, einen Künstler dazu bringen, sein ganzes Potenzial einzusetzen, alle Kreativität aus ihm herauspressen? Foster Lipowitz denkt, er weiss es: Durch versagtes Glück, ständiges Unglücklichsein entsteht die reinste Kunst. Den Mediengiganten packt ein schlechtes Gewissen, als er erkennt, dass er mit billigster Unterhaltung, verdummender „Kunst“ sein Musik-, Film- und Fernsehimperium aufgebaut hat. Um der Welt wieder zu wahrer Kunst zu verhelfen, gründet er die New Renaissance Academy, in der er wahre Künstler ausbilden, ja, heranzüchten will. Einer dieser Künstler ist Vincent Spinetti, Sohn einer verantwortungslosen Nymphomanin, der im Alter von 7 Jahren unter die Fittiche des New Renaissance-Managers Harlan Eiffler kommt. Der Musikkritiker, der kein gutes Haar am Mainstream läßt, soll heimlich dafür sorgen, dass Vincents Kreativität kein Ende findet sprich dass Vincent immer unglücklich bleibt. Freunde werden vergrault, Liebe nicht zugelassen, aufkommendes Glück möglichst im Keim erstickt. Trotz schlechten Gewissens zieht Harlan das durch, immer mit dem Blick auf die herausragende Kunst des Songwriters und Drehbuchautoren Vincent Spinetti, der in ihm nur seinen Ersatzvater, einzigen Freund und Manager sieht. Das Romandebut von Joey Goebel ist Satire, Drama, Gesellschaftskritik und Komödie, aber in erster Linie die Geschichte einer innigen Freundschaft, die auf falschen Begebenheiten beruht und doch das einzige ist, worauf die beiden Freunde bauen. Dabei ist die Geschichte nicht nur spannend und mitreißend, sondern auch erstklassig geschrieben und flüssig zu lesen. Gerade der Charakter Harlan Eiffler, der doch eigentlich böses tut, ist so vielschichtig und dabei auch innerlich zerrissen, dass man ihn nicht verteufeln mag. Ein großartiger Roman!