Posts Tagged ‘Kunst’

Jonathan Lethem: Chronic City

Jonathan Lethem: Chronic CityChase Insteadman ist ein gern gesehener Gast auf Dinerpartys in New York, allerdings weniger wegen seiner Person, sondern in erster Linie, weil er mit einer im All verschollenen Astronautin verlobt ist und bei ein paar Leuten vielleicht noch, weil er als Kind der Star einer Fernsehserie war. Seither lebt er von seinen Tantiemen und hat sonst nicht viel vorzuweisen, außer eben seiner Verlobten Janice. Diese schreibt ihm Briefe, die in der kriegsfreien Ausgabe der New York Times abgedruckt werden und somit ganz New York zu Tränen rühren.
Sein Leben ändert sich, als er den ehemaligen Rockkritiker Perkus Tooth trifft. Mit dem Verschwörungstheoretiker begibt er sich auf die von Marihuana umnebelte Suche nach der Wahrheit, nach der Wahrheit um einen riesigen Tiger, der in  New York wütet, nach der Wahrheit um die Kaldrone, einzigartig schöne Vasen, deren Anblick allein genügt, süchtig zu machen, nach der Wahrheit um Chase’ Liebe zu Janice und zu seiner Geliebten Oona,nach der Wahrheit um New York, nach der Wahrheit des Lebens.

Chronic City ist kein einfaches Buch. Obwohl Jonathan Lethems Schreibstil flüssig zu lesen ist, gibt es in Chronic City doch manche Passagen, die langatmig sein können, manche Szenen wirken willkürlich aneinander gereiht, die Geschichte um Chase und Perkus verschwimmt in ihren verkifften Dialogen und vieles scheint aus der Luft gegriffen. Doch immer wieder zeigt Lethem, dass es sich lohnt, dieses Werk in Angriff zu nehmen, sei es durch Sätze, die man einfach geniessen kann und gerne noch einmal liest, durch skurrile Szenen oder durch die kauzigen Charaktere, allen voran Perkus Tooth. Zum Ende hin nimmt Chronic City zudem eine überraschende Wendung, die den Roman nochmals aufwertet.
Wer sich nicht scheut, Gehirnschmalz in die Deutung eines Romans zu stecken, vielleicht sogar mit anderen darüber diskutieren kann, wer sich von anstrengendem Lesen nicht abschrecken lässt, dem sei Chronic City empfohlen.

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David Albahari: Ludwig

David Albahari: LudwigSie sind beide Schriftsteller, sie waren befreundet, doch das ist Vergangenheit. Überhaupt, war diese Freundschaft nur einseitig? Dem einen, Ludwig, nicht so viel wert, dass er ihr zuliebe auf das Stehlen des ungeschriebenen Buches seines Freundes und Kollegen verzichtet hätte? Ludwig, der mit diesem Buch zu großer Berühmtheit gelangte, der Preise einheimste für einen Roman, den S. – wie er seinen Autorenfreund immer nannte, obwohl kein S in dessen Namen vorkommt – schreiben wollte, zu schreiben schon so lange plante. Ist das die Wahrheit? Ist alles nur geklaut, Ludwig ein Dieb, stünden die Preise, die Interviews, die Fans ihm gar nicht zu? Sondern eben jenem S., der alles für Ludwig tat und ihm von seinen Ideen und Träumen erzählte?

Der namenlose Schriftsteller in David Albaharis neuem  Roman lässt seinem Hass auf seinen Kollegen Ludwig, den er nicht zu hassen vorgibt, freien Lauf. Auf 150 atemlosen Seiten, die keinen Raum zur Rast lassen, erzählt er, wie Ludwig ihn ausnutzte, sich von ihm hofieren ließ, wie er seine Ideen stahl, sogar seine Hilfe an diesem Buch der Bücher leugnete. Diese Hasstirade greift um sich, schlägt immer wieder nach Belgrad und seinen Einwohnern, nach den Kritikern und Medien, um dann wieder der vergangenen Beziehung der beiden Autoren die Maske der Freundschaft herunterzureissen und den Betrug Ludwigs an seinem Kollegen anzuprangern. Doch nach und nach wird klar, dass diese Geschichte so eindeutig vielleicht gar nicht ist, dass viel eher eine gekränkte, verklärte Psyche verbal Amok läuft. Selbstgerechtigkeit springt in verschachtelten Sätzen mal hierhin, mal dorthin, gelangt immer wieder zu den selben Themen, um mit tiefster Inbrunst die Ungerechtigkeit der Welt anzuklagen und sich doch ein ums andere Mal selbst bloßzustellen.

Wer “Ludwig” liest, verspürt den Drang, den Roman in einem Stück durchzulesen. Das liegt aber weniger an den fehlenden Absätzen, Kapiteln oder sonstigen Unterteilungsmöglichkeiten, sondern an dem nicht enden wollenden Schwall an Gedanken. Gedanken, die immer in dem nächsten Gedanken münden und eine endlose Folge bilden, die einem den Wahn des scheinbar geprellten Schriftstellers greifbar macht und einen bis zum Ende nicht los lässt.

Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung

Hätte er nur nicht die Auersbergers getroffen. Und dann die geistige Umnachtung, als er ihre Einladung zu einem „künstlerischen Abendessen“ annahm geschweige denn, dass er auch noch hinging…
20 Jahre lang hatte er jeden Kontakt mit der künstlerischen Szene, in der er damals zu Hause war, gemieden. Weil er sie hasste, die Künstler und die Kunstliebhaber der Stadt Wien. Und nun sitzt er in einem Ohrensessel bei dem „künstlerischen Abendessen“ der Auersbergers und sagt kein Wort. Stattdessen rechnet er innerlich ab, erinnert sich, erinnert sich, warum sein Hass so unversöhnlich ist, erinnert sich, wie das damals war, sieht, was aus seinen ehemaligen Freunden geworden ist und bereut jede Sekunde, hergekommen zu sein.
Reicht das für ein Buch mit 320 Seiten? Ohne Kapiteleinteilung, ohne jedwede Einteilung, nicht einmal Absätze gönnt Thomas Bernhard den Lesern seiner Abrechnung mit falschen Menschen, Wichtigtuern und Egozentrikern. Unglaublich, dass der Autor es schafft, Satz an Satz aneinandergereiht, in ständiger Wiederholung über das ganze Buch doch immer wieder neue Facetten und neue Gründe seiner Ablehnung einzustreuen. So zeigt er nahezu in jedem einzelnen, wunderbar langen und doch gut verständlichen Satz seine Verachtung der Personen, mit denen er diesen Abend verbringen muss. Und dennoch ist Holzfällen nicht bar einer versöhnlichen Note oder Selbstkritik. Überwiegend macht Thomas Bernhard aber seiner Verachtung und seinem Hass Luft. Und das liest sich herrlich.