Posts Tagged ‘Klassiker’

Albert Camus: Der Fremde

Albert Camus: Der FremdeEiner meiner Lieblingssongs ist „Killing an Arab“ von The Cure, der ihnen oftmals den Verdacht des Rassismus einbrachte. Die Wahrheit ist aber, dass „Killing an Arab“ auf dem Buch „L’Étranger“, zu deutsch „Der Fremde“ von Albert Camus basiert. Höchste Zeit also, diesen Roman in Augenschein zu nehmen:

Meursalt lebt und arbeitet in Algerien in den 30er Jahren. Emotionen sind ihm fremd, nicht einmal, als seine Mutter stirbt ist er eines Gefühls fähig. Weder Gewalt noch Liebe erreichen ihn, ohne jeglichen Ehrgeiz, ohne Ziele geht er durchs Leben. Als er einen Araber am Strand erschiesst, wird ihm seine für die Gesellschaft unerträgliche Gleichgültigkeit zum Verhängnis, doch ändert das etwas an seiner Gefühlskälte?

Nobelpreisträger Albert Camus erzählt die Geschichte aus der Perspektive Meursalts, unaufgeregt, fast gelangweilt, unerheblich ob es um seine berufliche Laufbahn, um den Tod seiner Mutter oder die Schüsse auf den Araber geht. Das macht Meursalt zu einer authentischen Person, die einen in seine Gleichgültigkeit mit hineinzieht. Erst, wenn man zwischendurch einmal durchatmet, wird man sich seiner erschreckenden Seelenwelt bewusst, und auch der Unfähigkeit der Gesellschaft damit umzugehen, so einen Menschen überhaupt zu realisieren.

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Robert Lewis Stevenson: Die Schatzinsel

Die Schatzinsel steckt auch heute noch so manches Abenteuerbuch in die Tasche, der Klassiker um den Jungen Jim Hawkins und den rauhbeinigen Piraten John Silver ist spannend, die Atmosphäre verwegen, wie es sich für ein Piratenabenteuer gehört. Für Kinder sollte man eher eine moderne Übersetzung nehmen, als Erwachsener kann man auch die authentische alte Übersetzung bemühen, auch wenn man sich an manche Schiffahrtsbegriffe des 19. Jahrhunderts gewöhnen muss. Egal, in welcher Form, die Mutter aller Piratenabenteuer sollte man auf jeden Fall kennenlernen.
Johoho … und ne Buddel voll Rum!

Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung

Hätte er nur nicht die Auersbergers getroffen. Und dann die geistige Umnachtung, als er ihre Einladung zu einem „künstlerischen Abendessen“ annahm geschweige denn, dass er auch noch hinging…
20 Jahre lang hatte er jeden Kontakt mit der künstlerischen Szene, in der er damals zu Hause war, gemieden. Weil er sie hasste, die Künstler und die Kunstliebhaber der Stadt Wien. Und nun sitzt er in einem Ohrensessel bei dem „künstlerischen Abendessen“ der Auersbergers und sagt kein Wort. Stattdessen rechnet er innerlich ab, erinnert sich, erinnert sich, warum sein Hass so unversöhnlich ist, erinnert sich, wie das damals war, sieht, was aus seinen ehemaligen Freunden geworden ist und bereut jede Sekunde, hergekommen zu sein.
Reicht das für ein Buch mit 320 Seiten? Ohne Kapiteleinteilung, ohne jedwede Einteilung, nicht einmal Absätze gönnt Thomas Bernhard den Lesern seiner Abrechnung mit falschen Menschen, Wichtigtuern und Egozentrikern. Unglaublich, dass der Autor es schafft, Satz an Satz aneinandergereiht, in ständiger Wiederholung über das ganze Buch doch immer wieder neue Facetten und neue Gründe seiner Ablehnung einzustreuen. So zeigt er nahezu in jedem einzelnen, wunderbar langen und doch gut verständlichen Satz seine Verachtung der Personen, mit denen er diesen Abend verbringen muss. Und dennoch ist Holzfällen nicht bar einer versöhnlichen Note oder Selbstkritik. Überwiegend macht Thomas Bernhard aber seiner Verachtung und seinem Hass Luft. Und das liest sich herrlich.

Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

London 1888: Der berühmteste Serienmörder der Geschichte treibt im Stadtteil Whitechapel sein Unwesen: Jack The Ripper, wie ihn die Presse nennt, ermordet Prostituierte und weidet sie bestialisch aus. Soweit die wahre Geschichte, was allerdings wirklich passiert ist, konnte bislang nie einwandfrei nachgewiesen werden. So gibt es einige Theorien, mal mehr mal weniger skandalös, politisch motiviert und intrigant. Alan Moore und Eddie Campbells umfangreicher Comicband From Hell, benannt nach dem Absender eines möglicherweise glaubhaften Bekennerschreibens, erzählt, wie es gewesen sein könnte und orientiert sich dabei an Fakten und an Übereinstimmungen unterschiedlicher Theorien. Dabei entsteht zum Einen ein spannender Thriller in düsteren Bildern, zum Anderen eine akribisch genaue Untersuchung der Fakten und Umstände, da im Anhang genau aufgeschlüsselt wird, auf welchen Informationen welche Szene beruht, wie glaubwürdig Theorien sind, woher sie kommen und was auf unumstößlichen Fakten aufgebaut ist. Alan Moores Deutungen und eigene Theorien, die sich vor allem auf die Psyche des Mörders beziehen, sind gut in die Geschichte integriert, so daß dieser Thriller in sich stimmig erscheint.

From Hell ist kein Comic, der auf die Schnelle oder nebenbei gelesen werden sollte. Die Vorlage des gleichnamigen Kinofilms mit Johnny Depp erfordert vielmehr große Aufmerksamkeit und eigenes Verstehen der Bilder, da auf bildbeschreibende Texte, wie es sie in anderen Comics gibt, verzichtet wird. Wer sich allerdings auf die 600 Seiten umfassende Mischung aus Fiktion und Wahrheit einlässt, erlebt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch ein gelungenes Gesellschaftsportrait des viktorianischen Londons.

John Irving: Garp und wie er die Welt sah

Irving schafft es durch seine skurrilen Geschichten, seine besonderen Charaktere und dramatische Wendungen kombiniert mit komischen Elementen, seinen ganz eigenen, einzigartigen Stil zu entwickeln. Und der ist einfach großartig. Verrückte Geschichten, die sich grad an der Grenze des Unglaubwürdigen einfinden, aber eben nicht darüber. Unterhaltsam, traurig, witzig, dramatisch, komisch, …. Garp hat alles davon, ist ein typischer Irving, von denen, die ich bislang gelesen hab, vielleicht der typischste. Dabei sind die vorherrschenden Themen Frauen und Feminismus sowie Garps zu ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und natürlich noch einiges mehr, schliesslich handelt es sich um eine ganze Lebensgeschichte. Wer noch nie Irving gelesen hat, dürfte mit diesem Werk ordentlich Appetit bekommen.

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Was soll man dazu sagen? Max Frisch schreibt besonders, bedacht, kunstvoll, schöne Sätze, manchmal, oft aber auch abgehackt, für sich schön, stimmungsvoll, man kann Gedankengängen folgen, manchmal auch nicht, aber selbst dann ist es meist insofern nachvollziehbar, dass die Gedanken eines Menschen springen können. Gantenbein ist literarische Kunst, auf jeden Fall.
Leider aber fehlt mir der rote Faden, 300 solche Seiten sind nicht nur anstrengend, sondern auch mehr und mehr langweilig. Tatsächlich passierte es mir häufig, dass meine Gedanken abschweiften und nicht mehr dem gelesenen folgten. Dann und wann kommt dann wieder ein zusammenhängender Teil, der auch etwas wie Spannung aufbaut, aber die hält eben nur ein paar Seiten lang an.
Es gibt viel Wahrheit in „Mein Name sei Gantenbein“, über Liebe, über den Umgang der Menschen miteinander, man findet schöne, ja tolle Formulierungen, nur leider irgendwie alles aneinandergereiht, willkürlich. Und so wurde der Gantenbein für mich zum Kampf, dann und wann mit einem kleinen Erfolgsgefühl, dass es sich doch lohnt, durchzuhalten, oft aber auch mühevolles Durchbeissen.

Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe

Raskolnikow, ein verarmter Student im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts, sieht seine einzige Chance, an seiner Karriere weiter zu arbeiten, im Verbrechen. Ohne Geld kein Studium und da er der Welt sein Genie nicht verschliessen will, ist es seine Pflicht, irgendwie Geld aufzutreiben, um so sein Studium fortsetzen zu können. Was ist schon eine alte unbeliebte fiese Pfandleiherin im Vergleich zu dem, was er der Welt bieten könnte, hätte er nur das Geld für seine Ausbildung. So reift in ihm ein folgenschwerer Entschluß.

Klassische Weltliteratur, das klingt immer nach schwierig, anstrengend, kaum zu bewältigen, nach Arbeit und erinnert an düstere Schulzeiten in denen Literatur durch Zwang zu Folter verkam.
Nichtsdestotrotz habe ich mir einmal vorgenommen, mich an möglichst vielen Klassikern bzw. deren Autoren wenigstens einmal zu versuchen, so dass ich sie danach guten Gewissens in die Ecke pfeffern und alles weitere ignorieren kann, weil der gute Wille ja da war … oder eben auch nicht, nämlich mich begeistern zu lassen, zu verstehen, was großartig ist und Spaß daran zu finden.
So hab ich mich dann auch an Dostojewskis Verbrechen und Strafe gemacht, mit einer Erwartung, die an die Situation am Fuße eines zu bezwingenden Berges erinnert. Man will es packen, man rechnet aber nicht mit viel Freude daran, aber andere haben es ja auch geschafft. Und siehe da: So schwer war der Aufstieg gar nicht. Verbrechen und Strafe hat viel von einem Krimi, spannende Momente, die Sprache ist dank der gelungen Übersetzung Swetlana Geiers gar nicht so schwierig, manch etwas langatmige Stelle gibt es zwar, aber da ist man schnell drüber weg. Und die etwas schwülstigen Reden und Dialoge passen zu der Zeit und lassen den Umgang der Menschen untereinander, die im 19. Jahrhundert in St. Petersburg lebten oder teils eher vegetierten, erleben.
So gehört Dostojewski nach der Lektüre von Verbrechen und Strafe nicht zu den Autoren, die ich ignorieren werde. Anspruchsvolle Literatur, die sich aber gut lesen lässt, eine spannende Handlung, eine philosophische Abhandlung darüber, ob Grenzen überschritten werden dürfen, wer sich über Regeln hinwegsetzen darf und gleichzeitig ein Krimi, der so manchem modernen Krimi in nichts nachsteht.
Überraschung gelungen.