Posts Tagged ‘Jugend’

John Henry Eagle: Der Eiserne König

Im Lande Pinafor geht Seltsames vor sich: Die Menschen vergessen ihre Arbeit, weil ein plötzlicher Goldsegen alle Menschen segnet, ein geheimnisvolles Mädchen mit einer tätowierten Karte auf ihrem Rücken wehrt sich mit tödlichen Zauberkräften gegen eine Räuberbande, deren Hauptmann Grimm anschliessend von den Toten wiedererweckt wird, und Hans, der einzige der Räuberbande, der das Mädchen schützen wollte, lernt immer mehr die Wunder und Schrecken von Pinafor kennen. Alles spricht dafür, dass der grausame, ehemalige Herrscher, Der Eiserne König, aus dem Reich der Toten auferstehen soll. Hans und Gefährten aus der Märchen- sowie der Tierwelt nehmen den Kampf gegen das Böse auf.

Wer bei Gefährten, die gegen das Böse kämpfen, an Herr der Ringe denkt, liegt ganz und gar nicht falsch. Zahlreiche Parallelen weist John Henry Eagles Fantasyroman auf, seien es die Karontiden, die als Hommage an die Orks gelten können, oder Der Eiserne König als Zeichen absoluter Boshaftigkeit, der an Sauron erinnert. Aber Tolkiens Epos ist nicht die einzige Quelle des Autors, der bislang nur unter Pseudonymen schrieb. Geschickt verknüpft Eagle die Stimmung des Klassikers mit der Welt der Märchen. Viele Figuren entspringen den doch meist ziemlich grausamen Märchen, allen voran Hans, der ein traumatisches Erlebnis mit einer Hexe hinter sich hat. Diese Konfrontation mit den Geschichten, die man als Kind meist in einer verniedlichten Welt gehört hat, in einer an vielen Stellen grausamen Erzählung, die sich an Jugendliche und Erwachsene richtet, fasziniert durchaus, jedoch wirkt dies an ein paar Stellen etwas überkonstruiert, da wird in ausweglosen Situationen schnell einmal eine märchenhafte Fähigkeit aus dem Hut gezaubert. Dies führt in den beiden ersten Dritteln des Buches dazu, dass die Spannung nicht so richtig zu fesseln vermag. Dazu kommt der etwas aufgesetzt wirkende Humor einzelner Figuren, der den Lesefluss etwas stocken lässt. Zum Ende hin jedoch wird der Kampf Gut gegen Böse immer verzweifelter und fesselnder und die unpassenden Sprüche weniger, so dass man das Buch nur ungern aus der Hand legt.

Der Eiserne König ist ein Fantasyroman für Jugendliche und Erwachsene, eine Hommage an Herr der Ringe, gespickt mit bekannten (und teils auch weniger bekannten) Märchenfiguren. Der Kampf der Gefährten gegen den grausamen (un)toten Herrscher und seine Mitstreiter liest sich durchweg flüssig, vermag aber erst im letzten Drittel richtig zu fesseln.

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Kevin Power: Die letzte Nacht des Sommers

Richard, Barry und Stephen sind Studenten eines Colleges in Dublin, gehören zur traditionsreichen und finanziell besser gestellten Oberschicht, spielen Rugby und trinken gern mal einen. Am 31. August feiern und zechen sie genauso wie Conor, ebenfalls Rugbyspieler vom College, den sie noch aus ihrer Kindheit kennen, in einem Pub. Als dieser schliesst, geschieht das Unfassbare. Die drei sowie noch einige weitere Jungs prügeln auf Conor ein und treten ihn, als er reglos am Boden liegt. Später im Krankenhaus stirbt er.

Anders als andere Romane stellt “Die letzte Nacht des Sommers” gleich zu Beginn klar, was passiert ist, wer getötet wurde und von wem. Inhalt des Romandebüts von Kevin Power ist, wie es dazu kam, in welchen sozialen Gefügen Täter und Opfer aufwuchsen, welche Rolle Traditionen ihrer Herkunft, Eltern, Schule spielten. Dies baut eine ungeahnte Spannung auf, man liest wie in einem Tatsachenbericht, der voller Mitgefühl ist und dennoch eine gewisse – auch nötige – Distanz bietet. Fassungslos verfolgt man die Untersuchung des Falls, die Gerichtsverhandlung und wie die Familien sowohl des mutmasslichen Haupttäters als auch des Opfers damit umgingen.

“Die letzte Nacht des Sommers” basiert auf einer wahren Geschichte, daher sorgte der Roman bei seinem Erscheinen in Irland für ordentlichen Wirbel. Kevin Power setzte das Thema fesselnd, aber keineswegs reißerisch um und schuf damit ein außergewöhnliches, sehr empfehlenswertes Buch.

Robert Lewis Stevenson: Die Schatzinsel

Die Schatzinsel steckt auch heute noch so manches Abenteuerbuch in die Tasche, der Klassiker um den Jungen Jim Hawkins und den rauhbeinigen Piraten John Silver ist spannend, die Atmosphäre verwegen, wie es sich für ein Piratenabenteuer gehört. Für Kinder sollte man eher eine moderne Übersetzung nehmen, als Erwachsener kann man auch die authentische alte Übersetzung bemühen, auch wenn man sich an manche Schiffahrtsbegriffe des 19. Jahrhunderts gewöhnen muss. Egal, in welcher Form, die Mutter aller Piratenabenteuer sollte man auf jeden Fall kennenlernen.
Johoho … und ne Buddel voll Rum!

Derek Landy: Skulduggery Pleasant – Sabotage im Sanktuarium

Walküre Unruh hat gleich an zwei Fronten zu kämpfen: Skulduggery ist immer noch in der Welt der Gesichtslosen verschwunden. Und Skarabäus, ein alter Verbrecher brennt nach 200 Jahren im Gefängnis auf Rache und gründet, um seine verlorene Magie auszugleichen, einen Club der Rächer, die auch Walküre auf die Liste ihrer Todeskandiaten setzen.

Ähnlich wie bei Harry Potter erleben wir in Derek Landys Fantasy-Reihe eine Welt der Magier neben der normalen Menschenwelt. Allerdings sind die Gestalten in Skulduggery Pleasant zynischer und die Handlung rasanter. Das macht die Romane für Erwachsene genauso unterhaltsam wie für Jugendliche.

Auch im vierten Skulduggery Pleasant sind Action, wundersame Gestalten und coole Sprüche angesagt. Derek Landy schafft es aber auch, die Gefühlswelt der jugendlichen Walküre in seine Geschichte einzupacken. So wirkt Skulduggery Pleasant im vierten Teil ausgereift wie nie zuvor, ohne auf seine Stärken, seinen trockenen Humor, Fantasie und spannende Action, zu verzichten.

Leseproben und sonstige Informationen gibt es unter http://www.loewe-verlag.de/special_skulduggerypleasant/

John Robb: Punk Rock

John Robb war selbst mit seiner Band Membranes von Anfang an dabei, als Punk entstand. In PUNK ROCK läßt er Mitglieder der Sex Pistols, von The Damned, The Clash, Siouxsie and The Banshees, The Adverts und vielen anderen Bands der ersten Stunde aus ihrer Sicht erzählen, wie Punkrock in England entstand und sich bis 1984 entwickelte. So bekommt man einen teils sehr persönlichen und auf jeden Fall informativen Abriss von der Geburt des Punk bis hin zur Absplitterung von Oi, Postpunk, New Wave, Gothic, Alternative und was immer seinen Ursprung in den ersten Konzerten der Sex Pistols und von The Clash hatte. Anekdote reiht sich an Anekdote, die Antipathie mancher Bands untereinander unterhält mindestens so gut wie John Lydons alias Johnny Rottens Verachtung nahezu aller Punkbands nach den Pistols. Die Musikindustrie bekommt ebenso ihr Fett ab wie die englische Regierung unter Thatcher.

Die Menge an Interviews vermittelt Authenzität, auch wenn sie sich teilweise widersprechen, da jeder aus seiner Perspektive erzählt und Dinge oft anders erlebt oder zumindest in Erinnerung hat als seine Mitstreiter oder gar andere Bands. Die informativen, zusammenfassenden Texte zu Beginn jedes Kapitels dürften allerdings etwas ausführlicher sein, um Zusammenhänge, die man sich so aus den Interviews zusammenreimen muss, klarer herauszustellen.

Dennoch ist PUNK ROCK eine Pflichtlektüre für alle, die über Punk schimpfen, davon schwärmen, alten Zeiten nachtrauern oder meinen, den einzig wahren Punk darzustellen. Was hierzulande und wahrscheinlich auch weltweit in Sachen Punkrock passiert, hat oft kaum mehr etwas mit dem zu tun, was vor über 30 Jahren in England entstand. Manches war eben nicht so, wie viele heute denken, und vieles wurde von den Punks der ersten Stunde ganz anders gesehen als Legenden glaubhaft machen wollen.

Anmerkung: John Robb ist dem Punkrock treu geblieben und ist seit 1995 Frontmann der Band Goldblade.

Gillian Flynn: Finstere Orte

25 Jahre ist es her, dass ihre Familie abgeschlachtet wurde. Von ihrem Bruder. Von ihrem Bruder?
Sieben Jahre alt war Libby Day in dieser Nacht des Grauens. Aufgrund ihrer Zeugenaussage wurde ihr 15jähriger Bruder Ben schuldig gesprochen und kam lebenslänglich hinter Gitter. Doch jetzt, nach so langer Zeit beginnen sich Zweifel in Libby zu regen. Angespornt von einer „Free Ben“-Gruppe beginnt sie mit Nachforschungen und wühlt Dinge wieder auf, die manche gerne für immer begraben wüssten.
Eines vorweg: Gillian Flynns Story ist gut, das Ausschlachten der ländlichen Idylle, das Aufklären 25 Jahre danach, erzählt im „Heute“ und im „Damals“ aus verschiedenen Perspektiven, das funktioniert alles und ist sprachlich auch sehr natürlich und flüssig geschrieben. In der Masse der Thriller sticht Finstere Orte folglich durchaus heraus, allerdings gibt es doch einen Wermutstropfen: Der richtige Höhepunkt der Spannung lässt lange auf sich warten, zu lange, und ist auch zu schnell wieder vorbei. So ist Flynns Thriller zwar unterhaltsam und gut geschrieben, mitreißende Hochspannung sucht man allerdings vergebens.

Joey Goebel: Freaks

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, und dennoch haben sie eine große Gemeinsamkeit: Sie sind besonders, aber ausgelacht und verachtet von den normalen Menschen um sie herum.
Die 80jährige Oma im Sex Pistols-T-Shirt mit regem Sexleben, das 8jährige Mädchen, das alles und jeden hasst, die hübsche satanistische Stripperin im Rollstuhl, der Iraki, der den Amerikaner sucht, den er im ersten Irakkrieg angeschossen hat, um sich bei ihm zu entschuldigen und der Afroamerikaner mit der abartigen Frisur, dessen intellektuelle Genialität mit Drogenrausch verwechselt wird – sie sind beste Freunde und gründen eine Band namens The Freaks.
Joey Goebel erzählt die Geschichte der Freaks in seinem zweiten Roman nicht nur aus der Perspektive der einzelnen Bandmitglieder, sondern auch der Menschen um sie herum. So ertappt man sich teilweise dabei, auf der Seite der „Humanoiden“, wie sie vom genialen, ständig in Selbstgespräche versunkenen, Sänger der Freaks genannt werden, zu sein, obwohl die fünf für ihr Verhalten durchaus logische und nachvollziehbare Gründe haben. Eigentlich sogar verständlicher als die „normalen“ Verhaltensmuster. Dieser Spiegel, der einem vorgehalten wird, ist dabei aber in einer so komischen, skurrilen und witzigen Geschichte verpackt, dass er fern jeglichen erhobenen Zeigefingers ist.
Obwohl Freaks aber ein sehr gelungenes, ebenso unterhaltsames wie dann doch nachdenkliches Buch ist, gibt es im Vergleich zu Joey Goebels anderen Romanen, „Heartland“ und vor allem „Vincent“ doch eine leichte Einschränkung. So wirkt der Roman teilweise drehbuchartig, was wohl daher kommt, dass die Geschichte tatsächlich zuerst als Drehbuch gedacht war. Dieser Stil stört ein bisschen den gewohnten Lesefluss. Dies könnte in einem Buch über Menschen, die sich dem Normalen verschliessen, natürlich auch Programm sein. Wer weiß ..?
Doch auch wenn Freaks das drittbeste der drei Romane von Joey Goebel ist: eine Empfehlung ist dieser besondere Roman in jedem Fall wert.