Posts Tagged ‘Familie’

Steve Toltz: Vatermord und andere Familienvergnügen

Australiens irrste Familie sind wohl die Deans, zumindest in Steve Toltz‘ Romandebut Vatermord und andere Familienvergnügen. Jasper Dean erzählt, wie sein Vater Martin und dessen Bruder Terry Berühmtheit auf dem ganzen Inselkontinent erlangten, der eine als Wohltäter und Gutmensch, aber gehasst wie kein Zweiter, der andere als Mörder, beliebt und geachtet vom ganzen Volk. Vor allem erzählt Jasper aber von seinem Verhältnis zu seinem Vater, der Wahnsinn und Genie, Philosoph und Loser in sich vereint und seinem Sohn alles andere als ein leichtes Leben bereitet, so dass dieser ständig zwischen Bedauern, Verehrung, Hass und irgendwo dann doch so etwas wie Vaterliebe schwankt. Ständige Schicksalsschläge, fehlgeleiteter Ehrgeiz, fataler Weltverbesserungswille, Mord, Flucht, Liebe, Trauer und so vieles mehr stecken in Steve Toltz‘ schräger Familiensaga, die temporeich von Katastrophe zu Katastrophe schlittert und einen dennoch ungläubig schmunzeln lässt, von Anfang bis Ende.
Zudem begeistert Steve Toltz mit einem außerordentlich guten Gespür für Sprache, jeder einzelne Satz könnte nicht besser formuliert sein und den einen oder anderen liest man gern öfter, sei es um ihn sich einzuprägen oder aus reiner Freude daran. 800 Seiten Lesevergnügen, treffender kann man es nicht formulieren.
Seiner Karriere als Privatdetektiv, Kameramann, Telefonverkäufer, Sicherheitsbediensteter, Englischlehrer und Drehbuchautor lässt Steve Toltz damit einen Einstieg als Schriftsteller folgen, der besser kaum sein könnte.

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John Irving: Letzte Nacht in Twisted River

Eine tödliche Verwechslung zwingt den zwölfjährigen Daniel, zusammen mit seinem alleinerziehenden Vater  Dominic Baciagalupo aus seinem Heimatort Twisted River zu fliehen. Diese Flucht bestimmt nahezu sein ganzes Leben, Vater und Sohn müssen immer wieder fliehen und sich an neuen Orten ein neues Leben aufbauen. Einzige Verbindung nach Twisted River ist ihr Freund Ketchum, ein grobschlächtiger und trinkfester Holzfäller, der die Situation daheim beobachtet und sich für den Koch Dominic und den angehenden Schriftsteller Daniel verantwortlich fühlt.

Bären, ungewöhnliche zwischenmenschliche Beziehungen, ein Schriftsteller, Unfälle – Irvings neuer, epischer Roman erscheint wie eine Mixtur aus Altbewährtem. Diese funktioniert wunderbar: Gemessen an vielen anderen Schriftstellern ist Letzte Nacht in Twisted River ein hervorragendes Buch. Leider aber ist John Irving sein eigener größter Konkurrent und muss seinen neuen Roman in erster Linie an eigenen früheren Werken messen lassen. Daß der bei diesem Vergleich nicht ganz so gut abschneidet, liegt zum Einen an den vielen Zeitsprüngen, die ein Folgen der Handlung manchmal schwierig machen. Zum Anderen entfaltet Irving seinen gewohnt skurrilen Humor nur in wenigen Szenen. Hielten sich sonst Lachen und Weinen die Waage, oft sogar beides zugleich, so ist Letzte Nacht in Twisted River mehr in Richtung Drama angelegt. Doch obwohl Letzte Nacht in Twisted River nicht an seine Meisterstücke wie Garp oder Owen Meany heranreicht, ist auch Irvings neuestes Werk eine unterhaltsame, besondere Familiengeschichte ohne Längen, der man sich gerne widmet.

John Irving: Garp und wie er die Welt sah

Irving schafft es durch seine skurrilen Geschichten, seine besonderen Charaktere und dramatische Wendungen kombiniert mit komischen Elementen, seinen ganz eigenen, einzigartigen Stil zu entwickeln. Und der ist einfach großartig. Verrückte Geschichten, die sich grad an der Grenze des Unglaubwürdigen einfinden, aber eben nicht darüber. Unterhaltsam, traurig, witzig, dramatisch, komisch, …. Garp hat alles davon, ist ein typischer Irving, von denen, die ich bislang gelesen hab, vielleicht der typischste. Dabei sind die vorherrschenden Themen Frauen und Feminismus sowie Garps zu ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und natürlich noch einiges mehr, schliesslich handelt es sich um eine ganze Lebensgeschichte. Wer noch nie Irving gelesen hat, dürfte mit diesem Werk ordentlich Appetit bekommen.

Joey Goebel: Heartland

Die USA vor der Wahl für das Repräsentantenhauses: John Mapother, 40-jähriger Sproß einer der reichsten Familien des Landes, sieht in seiner Kandidatur den Anfang einer Karriere, die in der Präsidentschaft ihren Höhepunkt finden soll. Um sich auch die Stimmen der Unter- und Mittelschicht zu sichern, spannt er seinen 13 Jahre jüngeren Bruder Blue Gene ein. Der hat sich von der Familie und ihrem Reichtum losgesagt, wohnt in einem Trailer und arbeitet als Flohmarktverkäufer, stellt also das krasse Gegenstück zum Snobismus und dem besseren Leben der Mapothers dar. Aber genau dadurch soll er Johns Image auch bei diesem Klientel bessern und Wahlwerbung machen. Als berge dieses Aufeinanderknallen der Kulturen, Wrestling versus Gala Diner, Flohmarkt versus Big Business, nicht schon genug Konfliktpotential, bahnen sich zudem dunkle Familiengeheimnisse ihren Weg ans Licht, die die Pläne der Mapothers zu vereiteln drohen. Passend am 4. Juli im großen amerikanischen Wahljahr 2008 erschienen erzählt Heartland die Verbindung einer Familiengeschichte, die Spuren der Extreme wie bei John Irving aufweist, mit einer Gesellschaftssatire, die inhaltlich teilweise an die Dokumentationen von Michael Moore erinnert. Beinahe unvorstellbar sind hierzulande die Waffenvernarrtheit, die Rolle, die der Glaube an Gott spielt und wie er mißbraucht wird, der blinde und aggressive Patriotismus, der für viele den einzigen Halt darstellt, weil sie nichts anderes haben. Doch Joey Goebel erzählt auch von Träumen einer besseren Welt, von Alternativen, von Liebe und Ehrlichkeit. Joey Goebel, 1980 geboren als Sohn zweier Sozialarbeiter, schreibt flüssig und spannend, so daß die 720 Seiten wie im Fluge vergehen. Wer den reißerischen Stil des Michael Moore nicht so mag und dennoch etwas über das Leben in den USA erfahren will, wie schwierig und ungerecht es sein kann, sollte sich Heartland unbedingt zu Gemüte führen. Wer einfach eine gute und fesselnde Geschichte lesen will, kann es dem gleich tun. Heartland bietet beides.

David Gilmour: Unser allerbestes Jahr

Hey, was, zu Ende? Ich hätte doch noch so viel mehr wissen, erfahren wollen…
Dabei bricht das Buch nicht einfach so ab, nein es endet ordnungsgemäß und gut, schließlich wollen Jesse und David ja auch ein bisschen ihre Privatsphäre wieder haben. Und doch fühlt man sich mitten drin und es ist komisch, nicht zu wissen, wie es mit den beiden weitergeht.
Aber mal von vorne: David erlaubt seinem sechzehnjährigen Sohn Jesse, die Schule abzubrechen, wenn er sich bereit erklärt, drei Filme pro Woche zusammen anzuschauen, die Papa aussucht. Ein bisschen Bildung wenigstens, wenn auch in ungewöhnlicher Form. Drei Filme pro Woche und Gespräche über alles mögliche, drei Jahre lang … allerlei Familienleben, Erwachsenwerden, Frust, Liebe, Liebeskummer, Verständnis, Enttäuschung, Erfolge und Misserfolge und das alles aus der Sicht eines Vaters, der ganz nah dabei ist, wie es sonst leider keinem Vater möglich ist, wenn ein Kind erwachsen wird.
David Gilmour erlaubt uns, dabei zu sein, er schreibt sehr flüssig und sehr persönlich, man lernt ihn und seinen Sohn kennen, fühlt sich mitten drin im Geschehen, kann nachvollziehen, wenn Jesse über seine Ex redet, die ihn immer noch nicht loslässt. Aber auch die Zweifel, die mit der Entscheidung, den Schulabbruch zu erlauben, zusammenhängen, die Ängste, den Sohn um seine Zukunft gebracht zu haben und Reflektionen über sein bisheriges Leben schildert David Gilmour in „Filmclub“, wie das Buch im Original heißt. Abgesehen davon, dass „Unser allerbestes Jahr“ die Dauer dieser Zeit falsch suggeriert, klingt „Filmclub“ nicht nur viel besser, sondern passt haargenau, schließlich spielen sich die Dramen, Komödien und Romantiken im echten Leben von Vater und Sohn zwischen den Filmtagen ab, die die beiden dreimal in der Woche haben. So lernt man nebenbei viel über Kino, Anekdoten über Regisseure, Besonderheiten einzelner Filme, Schauspieler und allem, was damit zusammenhängt. Gut, manchmal ist es etwas viel, vor allem wenn man viele Filme nicht kennt, aber vieles ist auch interessant und gut in die wahre Geschichte der Gilmours eingebettet, die sogar Menschen, die sich nicht sonderlich für Filme interessieren, mehr als entschädigt.
Eine cineastische sympathische Familiengeschichte, großartig geschrieben, offen und ehrlich erzählt, leicht und unbeschwert zu lesen, rundum eine Empfehlung, keinesfalls nur aber vor allem für Väter!