Posts Tagged ‘Einwanderer’

John Doyle: Don’t Worry Be German

Fast 20 Jahre lebt John Doyle nun in Deutschland. Der US-Amerikaner hat eine Deutsche geheiratet, mit der er einen Sohn hat, ist mittlerweile beliebter Comedian in deutschen Clubs und im Fernsehen und hat sich hier gut eingelebt. In Don’t Worry Be German schreibt er über seine Deutschwerdung, über die Vorurteile der Amis gegenüber den Deutschen und umgekehrt sowie deren Bestätigung. Ob es um amerikanische Prüderie oder deutsche Raserei, um oberflächliche Freundlichkeit oder übertriebene Ordnungsliebe geht, zu allem kann John Doyle witzige Begebenheiten erzählen, aus der Sicht des Amerikaners, der sich deutsche Gepflogenheiten zur Brust nimmt, und aus der Sicht des Deutschen, der manche amerikanischen Gewohnheiten vermisst, andere mittlerweile selbst absurd findet.

Der größte Teil der deutschen Comedyszene gibt mir kaum etwas. Ich teile den Humor selten und lacht der Comedian über seine eigenen Scherze oder wiederholt die Gags, die gut ankamen, immer wieder, dann empfinde ich mehr Fremdschämen als Belustigung. Mit John Doyle hab ich mich daher bislang nicht wirklich beschäftigt. Die Ausschnitte, die ich von ihm sah, weckten nicht wirklich mein Interesse. Sein Buch Don’t Worry Be German liest sich allerdings sehr gut, leicht und auch interessant, gerade wenn man selbst noch nicht in den USA war. Fast etwas zu brav nimmt Doyle sowohl die Deutschen als auch die Amis aufs Korn und hinterläßt den Eindruck, dass es etwas wunderbares ist, aufgeschlossen ein anderes Land mit anderen Gepflogenheiten kennenzulernen und sich dort einzuleben.
Don’t Worry Be German ist ein schönes Buch zum Schmunzeln und sorgt für den ein oder anderen Lacher zwischendurch, auch wenn mir etwas Biss und Schärfe fehlt.

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Adrian McKinty: Der sichere Tod

1992 herrscht in Nordirland eine hohe Arbeitslosigkeit. Michael Forsythe hat keine Chance, einen Job zu bekommen und nimmt daher das Angebot an, illegal nach New York auszuwandern, um dort für Darkey White zu arbeiten. In dessen Streetgang erkämpft er sich mit skrupellosen Methoden schnell Vertrauen und Respekt. Wäre da nicht Bridget, Darkeys Freundin, die auch Michael den Kopf verdreht und eine Affäre mit ihm anfängt. Darkeys Rache ist grausam, aber Michael entgeht seinem eigentlich sicheren Tod und beginnt einen blutigen Rachefeldzug.
Anfang der Neunziger fanden in New York etwa 2000 Morde pro Jahr statt. Adrian McKinty, der in dieser Zeit wie seine Figur Michael Forsythe in Harlem lebte, erzählt in Der sichere Tod nicht nur eine grausame und spannende Gangsterstory, sondern verfasste auch eine Milieustudie: Themen sind nicht nicht nur die Kriminalität und die Gangs, sondern auch das Umfeld, die Menschen, die in ärmlichsten Verhältnissen zwischen dieser Gewalt leben mussten. So skrupellos und konsequent Michael Forsythe auch seiner Arbeit nachgeht, der im Vergleich zum anderen Gangpersonal belesene und intelligente Ire lässt immer wieder durchblicken, dass er mit seinem Gewissen kämpft und viel lieber ein ehrliches Leben aufbauen würde. Ob der zweite Teil der Michael Forsythe-Trilogie davon handelt, wage ich zu bezweifeln.
Wirklich überraschende Wendungen sucht man in Der sichere Tod vergebens. Adrian McKinty erzählt aus Michael Forsythes Perspektive, der in seiner Erzählung ab und zu gerne vorgreift und die Konsequenzen alternativer Handlungsweisen zu bedenken gibt. Dennoch liest sich das Buch spannend und flüssig. Nur die in die coole Erzählweise eingestreuten etwas blumigen Gedanken und Träume ziehen sich manchmal und man ist froh, wenn McKinty wieder zu seiner eigentlichen Story findet. Diese entschädigt das aber allemal. Ich bin gespannt auf The Dead Yard, den zweiten Teil der Michael Forsythe-Trilogie.

Lee Hollis: Monsters

Lee Hollis, Sänger einer der bekanntesten Punkbands Deutschlands, den Spermbirds und einer der geschätzesten Punkbands Deutschlands, Steakknife, Musiker in Deutschland seit den 80er Jahren, stammt aus Texas, war als GI hier stationiert und lebt und wütet seither hier, nicht nur als charismatischer Frontmann der genannten Bands sondern auch als Autor von Kurzgeschichten. Diese sind in Englisch geschrieben, und wurden nicht übersetzt, was aber kein Problem ist, da sie ziemlich leicht zu lesen und zu verstehen sind. Ein kleines Schmunzeln erzeugen die selten, aber gekonnt eingestreuten deutschen Worte. Soviel zum technischen. Auf knapp hundert Seiten, mit großer Schrift und noch großzügigerem Platzverbrauch, erwarten den Leser Geschichten sowohl aus dem Leben als auch aus den teils merkwürdigen Fantasien Hollis‘. Sehr amüsant sind die Hirngespinste, die meist in alltäglichen Situationen ihren Anfang nehmen. Und hier und da kommt unaufdringlich aber doch eindeutig gesellschaftskritisches zutage, gerade wenn es um Lee Hollis Heimat geht. Zwischen den Geschichten liest man kurze zensierte Einträge aus Lees Lesetour-Tagebuch, übrigens von einer Lesetour mit Jan Off. Zwei persönliche „Desperate Letter“ runden das kurzweilige, sehr unterhaltsame Buch ab. Irgendwie ärger ich mich. Ich ärger mich, dass ich mir schon seit bald zehn Jahren erzählen lasse, wie gut Lee Hollis Bücher sind. Und trotzdem erst jetzt das erste Mal eines gelesen hab. Damit werd ich es schwer haben, sein erstes Werk „Driving in a dead man’s car“ in die Finger zu bekommen. Das gibt es scheinbar nicht mehr im Handel. Sehr schade, sagen doch einige, es sei das beste. Ich weiss es nicht, aber „Monsters“ ist auf jeden Fall großartig. Und ich mach mich wieder auf die Suche nach dem Erstling.

Pauls Toutonghi: Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war

Yuri Balodis ist Sohn lettischer Einwanderer in den USA. Sein Vater, Reinigungskraft in einem Autohaus, sitzt Abend für Abend auf dem Balkon, trinkt Bourbon und erzählt Yuri immer und immer wieder dieselben haarsträubenden Geschichten aus Lettland und schwärmt von Amerika, dem einzig wahren freien Land. Als Yuri sich in eine engagierte Sozialistin verliebt, entstehen folgenreiche Spannungen zwischen Vater und Sohn. Und dann fällt auch noch die Berliner Mauer und die lettischen Verwandten kündigen sich an; das Chaos nimmt seinen Lauf.
So erlebt Yuri seine Pubertät zwischen Liebe und Loyalität, idealistischen sozialistischen Ideen seiner Angebeteten und den Erinnerungen seines Vaters an kommunistische Unterdrückung, der väterlichen Liebe eines Alkoholikers und den Träumen und Bangen um das Mädchen, das ihm den Kopf verdreht.

„Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war“ ist gepflastert von dramatischen Ereignissen, Verletzungen, Enttäuschungen, aber auch von viel Liebe, Zueinanderhalten, Freundschaft, und vor allem einem großartigen stillen Humor, unaufdringlich und glaubwürdig. Allein durch die tolle Umsetzung des Einwandererdialekts, die einen immer wieder schmunzeln lässt, muss man Yuris Eltern einfach lieben. Überhaupt, die Charaktere sind so fein ausgearbeitet, dass man sie zu kennen glaubt, man sieht die Familie vor sich: der Vater mit seinen manchmal naiven Vorstellungen vom freien Amerika, der aber auch in einigen Momenten durchblicken läßt, dass er sehr wohl weiß, dass nicht alles Gold ist im vielgepriesenen Land der Freiheit; die Mutter, die sich den Gegebenheiten immer anpasst und für die ihr Sohn ihr Ein und Alles ist; und Yuri, der ständig hin- und hergerissen ist zwischen seiner Liebe zu einer überzeugten Jungsozialistin und dem Respekt seinen Eltern gegenüber.
Trotz vieler skurriler Geschehnisse wirkt an „Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war“ nichts aufgesetzt und es liest sich von Anfang an wunderbar flüssig.
Ein schöner und unterhaltsamer Blick in verschiedene Welten, in eine Zeit, in der sich vieles änderte, aus dem Blick eines Jungen, in dessen Leben sich zu dieser Zeit ebenfalls vieles änderte.