Posts Tagged ‘Drama’

Cormac McCarthy: Die Straße

Ein Mann zieht zusammen mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Nordamerika. Zwischen grauen Wäldern und toten Städten begegnen die beiden nur selten anderen Menschen, die auch so lange überlebt haben. Und wem sie begegnen, können sie nicht trauen. Die Angst vor Kannibalismus, Vergewaltigung, purer Gewalt besiegt das Sehnen nach Freundschaft, Gesprächen, Nähe. Wer anderen helfen will, muß die tödliche Gefahr des Vertrauens eingehen, wer macht das schon, zumal der Sohn beschützt werden soll. Hoffnung auf was? Es gibt nichts mehr. Der Tod, willkommene Lösung, aber Angst davor treibt das Leben voran. Das Leben in einem ständigen Ascheregen, in der allgegenwärtigen Kälte, und doch ist da die Fürsorge, die väterliche Liebe, die der Verzweiflung standzuhalten versucht, die ihm einen Sinn gibt, wo es keinen geben kann.

Cormac MacCarthy versteht es, seine Leser die Trostlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Angst und die endlose Suche nach einem Funken Hoffnung erleben zu lassen. In wenigen, aber treffsicheren Worten und Sätzen wird ein Bild der Kälte und des grauen, verlorenen Landes fühlbar gemacht, das sich einprägt und stärker nachhält als so mancher Film.

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Ferdinand von Schirach: Schuld

Ferdinand von Schirach, mittlerweile einer der bekanntesten deutschen Strafverteidiger, erzählt auch in seinem zweiten Buch von besonderen Fällen, mit denen er in seiner Arbeit konfrontiert wurde. Diese Stories sind schockierend, dramatisch und fesselnd, reichen von traurigen menschlichen Schicksalen bis hin zu thrillerartigen Geschehnissen  und einmal blitzt sogar etwas Ironie zwischen Elend, Verbrechen und Strafen durch. Bei all diesen Geschichten, die der Berliner Anwalt basierend auf wahren Fällen zusammentrug, steht jedoch trotz der relativ sachlichen Erzählweise der Mensch im Vordergrund. Dies gelingt von Schirach in “Schuld” genauso gut wie in seinem Debüt “Verbrechen”.

Dass “Schuld” dennoch nicht an “Verbrechen” heranreicht, liegt an der Auswahl der Fälle. Es scheint, die interessantesten und beeindruckendsten wurden schon im Erstling verarbeitet. Die Messlatte lag aber auch ziemlich hoch, und so ist diese zweite Sammlung von Verbrechen und Schicksalen  ebenfalls sehr lesenswert.

John Irving: Eine Mittelgewichts-Ehe

Partnertausch, um eine Ehekrise zu bewältigen? Was anfangs zu funktionieren scheint, entpuppt sich als fatale Fehleinschätzung: Scheinbar spielt nur einer nicht richtig mit, aber was in den anderen dreien vorgeht, weiß auch keiner genau.
John Irving beschreibt dieses Liebesdrama großartig und menschlich, man kann sich in die Figuren hineinversetzen, man lebt und leidet mit. Auch wenn sein schräger Humor und sein Gespür für skurrile Szenen hier nicht ganz so ausgeprägt zu sein scheinen wie beispielsweise bei Hotel New Hampshire oder Garp, ist Eine Mittelgewichts-Ehe ein typischer Irving, fesselnd und hervorragend zu lesen.

Joey Goebel: Heartland

Die USA vor der Wahl für das Repräsentantenhauses: John Mapother, 40-jähriger Sproß einer der reichsten Familien des Landes, sieht in seiner Kandidatur den Anfang einer Karriere, die in der Präsidentschaft ihren Höhepunkt finden soll. Um sich auch die Stimmen der Unter- und Mittelschicht zu sichern, spannt er seinen 13 Jahre jüngeren Bruder Blue Gene ein. Der hat sich von der Familie und ihrem Reichtum losgesagt, wohnt in einem Trailer und arbeitet als Flohmarktverkäufer, stellt also das krasse Gegenstück zum Snobismus und dem besseren Leben der Mapothers dar. Aber genau dadurch soll er Johns Image auch bei diesem Klientel bessern und Wahlwerbung machen. Als berge dieses Aufeinanderknallen der Kulturen, Wrestling versus Gala Diner, Flohmarkt versus Big Business, nicht schon genug Konfliktpotential, bahnen sich zudem dunkle Familiengeheimnisse ihren Weg ans Licht, die die Pläne der Mapothers zu vereiteln drohen. Passend am 4. Juli im großen amerikanischen Wahljahr 2008 erschienen erzählt Heartland die Verbindung einer Familiengeschichte, die Spuren der Extreme wie bei John Irving aufweist, mit einer Gesellschaftssatire, die inhaltlich teilweise an die Dokumentationen von Michael Moore erinnert. Beinahe unvorstellbar sind hierzulande die Waffenvernarrtheit, die Rolle, die der Glaube an Gott spielt und wie er mißbraucht wird, der blinde und aggressive Patriotismus, der für viele den einzigen Halt darstellt, weil sie nichts anderes haben. Doch Joey Goebel erzählt auch von Träumen einer besseren Welt, von Alternativen, von Liebe und Ehrlichkeit. Joey Goebel, 1980 geboren als Sohn zweier Sozialarbeiter, schreibt flüssig und spannend, so daß die 720 Seiten wie im Fluge vergehen. Wer den reißerischen Stil des Michael Moore nicht so mag und dennoch etwas über das Leben in den USA erfahren will, wie schwierig und ungerecht es sein kann, sollte sich Heartland unbedingt zu Gemüte führen. Wer einfach eine gute und fesselnde Geschichte lesen will, kann es dem gleich tun. Heartland bietet beides.

Joey Goebel: Vincent

Wie entsteht Kunst, wie kann man sie bestmöglich formen, einen Künstler dazu bringen, sein ganzes Potenzial einzusetzen, alle Kreativität aus ihm herauspressen? Foster Lipowitz denkt, er weiss es: Durch versagtes Glück, ständiges Unglücklichsein entsteht die reinste Kunst. Den Mediengiganten packt ein schlechtes Gewissen, als er erkennt, dass er mit billigster Unterhaltung, verdummender „Kunst“ sein Musik-, Film- und Fernsehimperium aufgebaut hat. Um der Welt wieder zu wahrer Kunst zu verhelfen, gründet er die New Renaissance Academy, in der er wahre Künstler ausbilden, ja, heranzüchten will. Einer dieser Künstler ist Vincent Spinetti, Sohn einer verantwortungslosen Nymphomanin, der im Alter von 7 Jahren unter die Fittiche des New Renaissance-Managers Harlan Eiffler kommt. Der Musikkritiker, der kein gutes Haar am Mainstream läßt, soll heimlich dafür sorgen, dass Vincents Kreativität kein Ende findet sprich dass Vincent immer unglücklich bleibt. Freunde werden vergrault, Liebe nicht zugelassen, aufkommendes Glück möglichst im Keim erstickt. Trotz schlechten Gewissens zieht Harlan das durch, immer mit dem Blick auf die herausragende Kunst des Songwriters und Drehbuchautoren Vincent Spinetti, der in ihm nur seinen Ersatzvater, einzigen Freund und Manager sieht. Das Romandebut von Joey Goebel ist Satire, Drama, Gesellschaftskritik und Komödie, aber in erster Linie die Geschichte einer innigen Freundschaft, die auf falschen Begebenheiten beruht und doch das einzige ist, worauf die beiden Freunde bauen. Dabei ist die Geschichte nicht nur spannend und mitreißend, sondern auch erstklassig geschrieben und flüssig zu lesen. Gerade der Charakter Harlan Eiffler, der doch eigentlich böses tut, ist so vielschichtig und dabei auch innerlich zerrissen, dass man ihn nicht verteufeln mag. Ein großartiger Roman!