Posts Tagged ‘Amerika’

T.C. Boyle – Hart auf Hart

Boyle_24737_MR.inddT.C. Boyle zählt für mich zu den besten aktuellen Schriftstellern, er versteht es, mit einem gewissen untergründigen Humor und skurrilen Personen und Begebenheiten zu unterhalten und dabei zudem etwas zum Nachdenken mitzubringen. In „Hart auf Hart“ (mir gefällt der deutsche Titel überhaupt nicht, dann doch lieber den Originaltitel auch für die Übersetzung belassen: „The harder they come“) ist die Ironie jedoch nicht so ausgeprägt wie in seinen anderen Büchern. Ist aber nicht das erste Mal, dass Boyle dieses ihn für viele prägende Element, wenn nicht außen vor lässt, so zumindest etwas zurückschraubt. Das schadet dem Buch aber in keinster Weise.

„Hart auf Hart“ ist eine unglaubliche Geschichte, besser: Die Geschichte ist eine Geschichte, wie sie in den USA doch durchaus realistisch ist. Unglaublich ist, wie die Menschen, die darin involviert sind, ticken. Verschwörungstheoretiker, Waffennarren, Amokläufer, Menschen, die sich eine Identität zusammenschustern, die ihnen erstrebenswert scheint, weil sie keine haben, die ihnen genügen würde. T.C. Boyle schafft es, einen Einblick in Menschen zu ermöglichen, deren Verhalten in erster Linie unverständlich scheint. Dabei unterhält er großartig. Ich freue mich schon auf den nächsten T.C. Boyle.

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Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez

Ciudad Juárez, mexikanische Grenzstadt gegenüber von El Paso, hält die Spitzenposition in der Verbrechensstatistik. Laut Wikipedia werden dort jeden Tag im Schnitt 7 Menschen ermordet, am berühmt-berüchtigsten ist die Stadt aber durch eine Verbrechensserie, die nie richtig aufgeklärt wurde und bis heute nicht gestoppt werden konnte: Im Zeitraum von 1993 bis 2005 wurden 370 Frauenleichen gefunden, teilweise mit Spuren sexueller Gewalt und oft so entstellt, dass man sie nicht identifizieren konnt. Mehr als 600 Frauen wurden in diesem Zeitraum vermisst und nie gefunden. Dieser Hintergrund bildet die Kulisse für Sam Hawkens Roman “Die toten Frauen von Juárez”.

Der Boxer Kelly Courter hat sich in Ciudad Juárez niedergelassen und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit gelegentlichen Boxkämpfen und dem Verkauf von leichten Drogen.Seine Freundin arbeitet in einer Gruppe, die eine engagiertere Ermittlung in der Mordserie erreichen will. Als sie verschwindet, gerät Kellys Leben aus den Fugen, bis auf einen alten Polizisten scheint niemand an der Wahrheit interessiert zu sein.

Das in meinen Augen mißlungene, grelle Buchcover (mit fast pinkfarbener Schrift) läßt bestenfalls einen reißerischen Roman vermuten, angesichts des wahren Hintergrundes empfand ich es als ziemlich geschmacklos. Das sollte einen aber nicht vom Lesen von Sam Hawkens Debütroman abhalten. Erwartungsgemäß ist das Buch nichts für zarte Gemüter, so brutal die Geschehnisse in Ciudad Juárez sind, so brutal ist auch das Buch. Doch Sam Hawken findet auch einen Weg, aufrichtig und aufklärend die reale Unmenschlichkeit und die Ängste, die in der mexikanischen Grenzstadt herrschen müssen, in seine spannende Geschichte einzubauen. So hinterläßt “Die toten Frauen von Juárez” seinen Leser nicht nur gut unterhalten, sondern vor allem auch schockiert.
Es ist ein fesselndes, ehrliches, abgründiges Buch, das auf Zustände aufmerksam macht, die in Nordamerika heutzutage unvorstellbar sind.

Josh Bazell: Einmal durch die Hölle und zurück

Josh Bazell - Einmal durch die Hölle und zurückJosh Bazells Debütroman “Schneller als der Tod” hat viele Leser und Kritiker begeistert, es war vom Tarantino der Literatur die Rede, so brutal, blutig und cool war die Geschichte um den ehemaligen Mafiakiller Pietro, der im Zeugenschutzprogramm als Arzt in einem Krankenhaus beschäftigt und durch Zufall mit seiner früheren Klientel konfrontiert war. Kann Bazells zweiter Roman ebenso überzeugen?

Pietro arbeitet mittlerweile als Arzt auf einem Kreuzfahrtschiff, als ihn ein anderer Auftrag erreicht: Er soll eine Paläontologin beschützen, die sich auf eine etwas sonderbare Suche nach einem Seeungeheuer wie dem von Loch Ness macht. Bazell auf Fantasystreifzug?

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass Josh Bazell seinem Schreibstil treu bleibt, “Einmal durch die Hölle und zurück” liest sich schnell, direkt, geschrieben mit einer Coolness, die kein bisschen aufgesetzt wirkt. Die teilweise ausufernden Fussnoten werden sicherlich wieder die Leserschaft spalten, aber sie führen zu dem einen oder anderen zusätzlichen Schmunzeln und bieten eine Menge Informationen, die vielleicht nicht nötig, aber auch nicht uninteressant sind.
Inhaltlich geht es diesmal etwas weniger blutig zu als in “Schneller als der Tod”; trotz des Themas sogar etwas weniger abgefahren, dennoch unterhält der Roman vorzüglich, und es fällt schwer, eine Pause einzulegen. Wenn Josh Bazell diesen Stil beibehält, vielleicht sogar ein bisschen wieder zur Gnadenlosigkeit seines Erstlings zurückfindet, soll er die Reihe um seinen Arzt mit Killerinstinkt gerne fortführen.

Jonathan Lethem: Chronic City

Jonathan Lethem: Chronic CityChase Insteadman ist ein gern gesehener Gast auf Dinerpartys in New York, allerdings weniger wegen seiner Person, sondern in erster Linie, weil er mit einer im All verschollenen Astronautin verlobt ist und bei ein paar Leuten vielleicht noch, weil er als Kind der Star einer Fernsehserie war. Seither lebt er von seinen Tantiemen und hat sonst nicht viel vorzuweisen, außer eben seiner Verlobten Janice. Diese schreibt ihm Briefe, die in der kriegsfreien Ausgabe der New York Times abgedruckt werden und somit ganz New York zu Tränen rühren.
Sein Leben ändert sich, als er den ehemaligen Rockkritiker Perkus Tooth trifft. Mit dem Verschwörungstheoretiker begibt er sich auf die von Marihuana umnebelte Suche nach der Wahrheit, nach der Wahrheit um einen riesigen Tiger, der in  New York wütet, nach der Wahrheit um die Kaldrone, einzigartig schöne Vasen, deren Anblick allein genügt, süchtig zu machen, nach der Wahrheit um Chase’ Liebe zu Janice und zu seiner Geliebten Oona,nach der Wahrheit um New York, nach der Wahrheit des Lebens.

Chronic City ist kein einfaches Buch. Obwohl Jonathan Lethems Schreibstil flüssig zu lesen ist, gibt es in Chronic City doch manche Passagen, die langatmig sein können, manche Szenen wirken willkürlich aneinander gereiht, die Geschichte um Chase und Perkus verschwimmt in ihren verkifften Dialogen und vieles scheint aus der Luft gegriffen. Doch immer wieder zeigt Lethem, dass es sich lohnt, dieses Werk in Angriff zu nehmen, sei es durch Sätze, die man einfach geniessen kann und gerne noch einmal liest, durch skurrile Szenen oder durch die kauzigen Charaktere, allen voran Perkus Tooth. Zum Ende hin nimmt Chronic City zudem eine überraschende Wendung, die den Roman nochmals aufwertet.
Wer sich nicht scheut, Gehirnschmalz in die Deutung eines Romans zu stecken, vielleicht sogar mit anderen darüber diskutieren kann, wer sich von anstrengendem Lesen nicht abschrecken lässt, dem sei Chronic City empfohlen.

John Rector: Frost

Ex-Häftling Nate und seine schwangere Freundin Sara sind mit Hab und Gut auf dem Weg in den Süden, als sie während eines Schneesturms in einem Diner auf Syl treffen. Der bietet ihnen 500 Dollar, wenn sie ihn bis Reno mitnehmen. Todkrank und ständig hustend sitzt er auf ihrer Rückbank, während sie immer weiter in den Blizzard geraten. Als sie schliesslich in einem Motel unterkommen wollen, ist Syl offensichtlich tot. Da entdecken sie 2 Millionen Dollar in seinem Koffer und treffen
eine fatale Entscheidung, während die Welt um sie herum einschneit und eine Flucht vor den schrecklichen Konsequenzen unmöglich ist.

Immer wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, setzt John Rector in seinem Romandebut Frost noch einen drauf. Gekonnt läßt er seine Leser mitzittern, wenn Sara und Nate fatale Entscheidungen treffen und immer tiefer in einen Albtraum hineingezogen werden. Ein von der Außenwelt abgeschnittenes Motel ist sicher nicht die innovativste Kullisse für einen Thriller, wurde hier aber phänomenal spannend in Szene gesetzt.
Frost zieht einen gleich zu Beginn in seinen Bann und läßt bis zur letzten Seite, ja bis zum letzten Buchstaben nicht mehr los.

Cormac McCarthy: Die Straße

Ein Mann zieht zusammen mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Nordamerika. Zwischen grauen Wäldern und toten Städten begegnen die beiden nur selten anderen Menschen, die auch so lange überlebt haben. Und wem sie begegnen, können sie nicht trauen. Die Angst vor Kannibalismus, Vergewaltigung, purer Gewalt besiegt das Sehnen nach Freundschaft, Gesprächen, Nähe. Wer anderen helfen will, muß die tödliche Gefahr des Vertrauens eingehen, wer macht das schon, zumal der Sohn beschützt werden soll. Hoffnung auf was? Es gibt nichts mehr. Der Tod, willkommene Lösung, aber Angst davor treibt das Leben voran. Das Leben in einem ständigen Ascheregen, in der allgegenwärtigen Kälte, und doch ist da die Fürsorge, die väterliche Liebe, die der Verzweiflung standzuhalten versucht, die ihm einen Sinn gibt, wo es keinen geben kann.

Cormac MacCarthy versteht es, seine Leser die Trostlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Angst und die endlose Suche nach einem Funken Hoffnung erleben zu lassen. In wenigen, aber treffsicheren Worten und Sätzen wird ein Bild der Kälte und des grauen, verlorenen Landes fühlbar gemacht, das sich einprägt und stärker nachhält als so mancher Film.

John Irving: Eine Mittelgewichts-Ehe

Partnertausch, um eine Ehekrise zu bewältigen? Was anfangs zu funktionieren scheint, entpuppt sich als fatale Fehleinschätzung: Scheinbar spielt nur einer nicht richtig mit, aber was in den anderen dreien vorgeht, weiß auch keiner genau.
John Irving beschreibt dieses Liebesdrama großartig und menschlich, man kann sich in die Figuren hineinversetzen, man lebt und leidet mit. Auch wenn sein schräger Humor und sein Gespür für skurrile Szenen hier nicht ganz so ausgeprägt zu sein scheinen wie beispielsweise bei Hotel New Hampshire oder Garp, ist Eine Mittelgewichts-Ehe ein typischer Irving, fesselnd und hervorragend zu lesen.