Archive for the ‘Lesen’ Category

T.C. Boyle – Hart auf Hart

Boyle_24737_MR.inddT.C. Boyle zählt für mich zu den besten aktuellen Schriftstellern, er versteht es, mit einem gewissen untergründigen Humor und skurrilen Personen und Begebenheiten zu unterhalten und dabei zudem etwas zum Nachdenken mitzubringen. In „Hart auf Hart“ (mir gefällt der deutsche Titel überhaupt nicht, dann doch lieber den Originaltitel auch für die Übersetzung belassen: „The harder they come“) ist die Ironie jedoch nicht so ausgeprägt wie in seinen anderen Büchern. Ist aber nicht das erste Mal, dass Boyle dieses ihn für viele prägende Element, wenn nicht außen vor lässt, so zumindest etwas zurückschraubt. Das schadet dem Buch aber in keinster Weise.

„Hart auf Hart“ ist eine unglaubliche Geschichte, besser: Die Geschichte ist eine Geschichte, wie sie in den USA doch durchaus realistisch ist. Unglaublich ist, wie die Menschen, die darin involviert sind, ticken. Verschwörungstheoretiker, Waffennarren, Amokläufer, Menschen, die sich eine Identität zusammenschustern, die ihnen erstrebenswert scheint, weil sie keine haben, die ihnen genügen würde. T.C. Boyle schafft es, einen Einblick in Menschen zu ermöglichen, deren Verhalten in erster Linie unverständlich scheint. Dabei unterhält er großartig. Ich freue mich schon auf den nächsten T.C. Boyle.

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Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar

Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbarJedes Mal, wenn die Volksseele wegen schlimmen Verbrechen kocht, wenn die Spiegel-Leser mit ihren BILD-tauglichen Kommentaren ihrem Populismus freien Lauf lassen, sollte man sich Ferdinand von Schirachs Plädoyers für Grundrechte und unabhängige Justiz zu Gemüte führen. Gerechtigkeit ist eben nicht immer einfach und manchmal gar nicht möglich, aber wo man anfängt, die Grundrechte einzelner, selbst bösartigster Menschen infrage zu stellen, fängt die Gesellschaft an, sich selbst zu zerfleischen.
Ein wichtiges Buch.

Zoran Drvenkar: Still

Zoran Drvenkar: Still

Zoran Drvenkar: Still

Ein Mann sucht die Peiniger seiner Tochter.
Ein Mädchen sitzt seit sechs Jahren schweigend am Fenster und sucht den Schlüssel zu ihrer Erinnerung.
Eine Gruppe von vier Männern sucht unschuldige Beute.
Und eine einsame Blockhütte im Wald an einem zugefrorenen See scheint des Rätsels Lösung.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich Zoran Drvenkars Romane “Du” und “Sorry” las. Sein einzigartiger direkter Stil begeisterte mich sofort. Diesem bleibt er auch in seinem neuen Roman treu. In drei Perspektiven, “Du”, “sie” und “ich”, bauen sich Handlung und Vorgeschichte von “Still” auf, direkt erzählt, mit schnörkelloser Nüchternheit, die dennoch Emotionen und alptraumhafte Fassungslosigkeit weckt.

Während viele Thriller der letzten Jahren eher langweilig, konstruiert und zudem fast schon dilettantisch geschrieben auf mich wirkten, begeistert Zoran Drvenkar in “Still” mit allem, was ich von einem guten Thriller erwarte, und mehr: Er entwickelt eine fesselnde Handlung, die den Leser das Buch nicht aus der Hand legen und lange im Unklaren lässt. Man reimt sich dies und jenes zusammen, um dann wieder festzustellen, dass es so nicht sein kann. Die unterschiedlichen Perspektiven und Ansprachen fühlen sich so persönlich und gleichzeitig nüchtern an, jedes Wort wirkt unverzichtbar, keine Nebenhandlungen, die beispielsweise Sympathien erzeugen sollen, lenken von der Geschichte ab.

Es ist bemerkenswert, in einem so massenkompatiblen Genre ein Buch in einem ganz eigenen Stil zu schreiben und dennoch nicht die Wirkung eines Thrillers zu verlieren, nein, sie sogar zu steigern.

Ich freue mich auf noch viele Bücher von Zoran Drvenkar, mit “Still” hat er in mir das Interesse am Thriller neu entfacht.

Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez

Ciudad Juárez, mexikanische Grenzstadt gegenüber von El Paso, hält die Spitzenposition in der Verbrechensstatistik. Laut Wikipedia werden dort jeden Tag im Schnitt 7 Menschen ermordet, am berühmt-berüchtigsten ist die Stadt aber durch eine Verbrechensserie, die nie richtig aufgeklärt wurde und bis heute nicht gestoppt werden konnte: Im Zeitraum von 1993 bis 2005 wurden 370 Frauenleichen gefunden, teilweise mit Spuren sexueller Gewalt und oft so entstellt, dass man sie nicht identifizieren konnt. Mehr als 600 Frauen wurden in diesem Zeitraum vermisst und nie gefunden. Dieser Hintergrund bildet die Kulisse für Sam Hawkens Roman “Die toten Frauen von Juárez”.

Der Boxer Kelly Courter hat sich in Ciudad Juárez niedergelassen und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit gelegentlichen Boxkämpfen und dem Verkauf von leichten Drogen.Seine Freundin arbeitet in einer Gruppe, die eine engagiertere Ermittlung in der Mordserie erreichen will. Als sie verschwindet, gerät Kellys Leben aus den Fugen, bis auf einen alten Polizisten scheint niemand an der Wahrheit interessiert zu sein.

Das in meinen Augen mißlungene, grelle Buchcover (mit fast pinkfarbener Schrift) läßt bestenfalls einen reißerischen Roman vermuten, angesichts des wahren Hintergrundes empfand ich es als ziemlich geschmacklos. Das sollte einen aber nicht vom Lesen von Sam Hawkens Debütroman abhalten. Erwartungsgemäß ist das Buch nichts für zarte Gemüter, so brutal die Geschehnisse in Ciudad Juárez sind, so brutal ist auch das Buch. Doch Sam Hawken findet auch einen Weg, aufrichtig und aufklärend die reale Unmenschlichkeit und die Ängste, die in der mexikanischen Grenzstadt herrschen müssen, in seine spannende Geschichte einzubauen. So hinterläßt “Die toten Frauen von Juárez” seinen Leser nicht nur gut unterhalten, sondern vor allem auch schockiert.
Es ist ein fesselndes, ehrliches, abgründiges Buch, das auf Zustände aufmerksam macht, die in Nordamerika heutzutage unvorstellbar sind.

Hjorth/Rosenfeldt: Der Mann, der kein Mörder war

BildDie Leiche eines sechzehnjährigen Jungen, dessen Herz herausgeschnitten wurde; eine Eliteschule; ein ehemaliger Polizeipsychologe, der sich die Nächte mit One-Night-Stands und die Tage mit Menschenfeindlichkeit vertreibt; sein ehemaliges Ermittlerteam, das gezwungen ist, gegen seinen Willen wieder mit ihm zusammen zu arbeiten. Das sind die Zutaten, aus denen das Autorenduo Hjorth/Rosenfeldt das Debüt ihrer Krimireihe um den unsympathischen Polizeipsychologen Sebastian Bergman gestrickt hat. Und schon wird mit Stieg Larsson, dem verstorbenen Erschaffer der derzeit erfolgreichsten Kriminaltrilogie um den Journalisten Mikael Blomqvist und die düstere Computerhackerin Lisbeth Salander, verglichen.
Ich bin jedoch kein allzu großer Freund von Stieg Larssons Millenium-Büchern, zumindest nicht in schriftlicher Form, da mir die vielen Produktplatzierungen negativ auffielen und auch sein Schreibstil eher gewöhnlich war. Dies gefällt mir an “Der Mann, der kein Mörder war” besser: Das Buch lässt sich zügig und flüssig lesen und ist sprachlich besser als so viele dieser derzeit inflationären Krimis, und auch ein übertriebenes Product Placement sucht man vergebens. So kann man sich ungestört der spannenden Geschichte widmen, die größtenteils ohne übermäßige Brutalität auskommt, und wird selten das Buch freiwillig aus der Hand legen. Die meiste Zeit fesselte die Story, lediglich an ein oder zwei Stellen hatte ich das Gefühl, dass jetzt etwas mehr passieren könnte. Das Finale entschädigt dies aber allemal.
Neben der Kriminalgeschichte wird in “Der Mann, der kein Mörder war” aber auch die Persönlichkeit des unsympathischen, arroganten, zynischen Sebastian Bergman sowie seine ehemaligen und neuen Kollegen, denen er zuwider ist, vorgestellt. Diese Nebenhandlung ist beinahe ebenso spannend wie der eigentliche Kriminalfall und mündet in einen Cliffhanger auf persönlicher Ebene, der mit Spannung den zweiten Teil dieser Krimireihe erwarten lässt.
Die Verfilmung in Zusammenarbeit mit dem ZDF wird übrigens demnächst bei uns zu sehen sein. Ich bin gespannt.

Umberto Eco – Der Friedhof in Prag

Umberto Eco - Der Friedhof in Prag„Der Friedhof in Prag“ ist der zweite Roman nach „Der Name der Rose“, den ich von Umberto Eco gelesen habe. Und ich bin am Ende doch irgendwie begeistert, das Thema ist höchst interessant, und raffiniert baut Eco tatsächliche Aussagen realer Figuren und Geschehnisse um seine fiktive Hauptfigur Simone Simonini. In dieser Konstellation erzählt Eco, wie „Die Protokolle der Weisen von Zion“, das gefälschte Dokument, das Antisemiten bis heute für die Unterstützung ihres Hasses und ihrer Feindseligkeit nutzen, obwohl schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts bewiesen ist, dass sie gefälscht sind, entstanden sein könnte und wie überhaupt geschichtliche Ereignisse aufgrund von gefälschten Briefen, Dokumenten, Papieren so und nicht anders passiert sind.
Einziger Wermutstropfen dieses spannenden Romans, der in Tagebuchform geschrieben ist, ist die Masse an Figuren und an Geschehnissen: Trotz ausführlicher Fussnoten im Anhang ist es sehr schwierig, einen Uberblick zu behalten. Dies ist aber gut zu verkraften, die unglaubliche Dreistigkeit, mit der in „Der Friedhof in Prag“ Geschichte gelenkt und Menschen aus dem Weg geräumt werden, wie Menschen manipuliert werden, teils nur um von aktuellen Problemen abzulenken oder sich Gründe für eine bestimmte Vorgehensweise zu schaffen, ist auch so erschreckend und gleichzeitig fesselnd.

Josh Bazell: Einmal durch die Hölle und zurück

Josh Bazell - Einmal durch die Hölle und zurückJosh Bazells Debütroman “Schneller als der Tod” hat viele Leser und Kritiker begeistert, es war vom Tarantino der Literatur die Rede, so brutal, blutig und cool war die Geschichte um den ehemaligen Mafiakiller Pietro, der im Zeugenschutzprogramm als Arzt in einem Krankenhaus beschäftigt und durch Zufall mit seiner früheren Klientel konfrontiert war. Kann Bazells zweiter Roman ebenso überzeugen?

Pietro arbeitet mittlerweile als Arzt auf einem Kreuzfahrtschiff, als ihn ein anderer Auftrag erreicht: Er soll eine Paläontologin beschützen, die sich auf eine etwas sonderbare Suche nach einem Seeungeheuer wie dem von Loch Ness macht. Bazell auf Fantasystreifzug?

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass Josh Bazell seinem Schreibstil treu bleibt, “Einmal durch die Hölle und zurück” liest sich schnell, direkt, geschrieben mit einer Coolness, die kein bisschen aufgesetzt wirkt. Die teilweise ausufernden Fussnoten werden sicherlich wieder die Leserschaft spalten, aber sie führen zu dem einen oder anderen zusätzlichen Schmunzeln und bieten eine Menge Informationen, die vielleicht nicht nötig, aber auch nicht uninteressant sind.
Inhaltlich geht es diesmal etwas weniger blutig zu als in “Schneller als der Tod”; trotz des Themas sogar etwas weniger abgefahren, dennoch unterhält der Roman vorzüglich, und es fällt schwer, eine Pause einzulegen. Wenn Josh Bazell diesen Stil beibehält, vielleicht sogar ein bisschen wieder zur Gnadenlosigkeit seines Erstlings zurückfindet, soll er die Reihe um seinen Arzt mit Killerinstinkt gerne fortführen.